SPÄTER. VIEL SPÄTER.

 

Nur für einen kurzen Moment war der Wein im Glas trüb gewesen. Jetzt ist da wieder Klarheit.

 

Die Tage, da über jenes bestimmte Medium noch echte Kommunikation stattgefunden hatte, waren schon länger vorbei. Auch mit den Menschen, mit denen er über diesen Weg einstmals sogar einen realen Kontakt aufbauen konnte. Selbst mit denen, die scheinbar zu Freunden geworden waren.

 

 

Der schwere, rote Wein schmeckt unvermindert gut. Ein ganz besonderer Tropfen. Ein Geschenk seiner Frau. Seiner besten Freundin. Auf Anraten seines besten Freundes. Diese Guten.

 

 

Ein einziges Thema gab es bis es vor kurzem noch, das eine erstaunlich große Menschenmenge im Zusammenhang mit ihm interessierte. Doch nun, da dies nur noch für ihn, der es in seinem Herzen weiter am Leben hielt, von Interesse war, war auch diese Gemeinsamkeit erloschen.

 

 

Eine Kerze würde gut passen. Das Rot des Weines würde jenseitig schön funkeln. Im Schrank liegt noch eine rote Grabkerze. Steht stabil. Tropft nicht. Er holt sie.

 

 

Wenn ausnahmsweise einmal mehr als nur das bloße Gefallen zu etwas preisgegeben wurde, war die Stellungnahme mittlerweile fast immer negativ. Eine auf Krawall gebürstete Gegenmeinung. Gleiche Meinungen blieben verborgen. Verständlich. Sie könnten eine Verbundenheit aufrecht erhalten oder wieder herstellen, die es wohl nie wirklich gegeben hatte.

 

 

Käse. Vielleicht würde ein Stück Käse gut dazu schmecken. Käse hatte eigentlich immer gut dazu geschmeckt. Einen Ziegenkäse gibt es noch. Er liebte Ziegenkäse. Aber er hatte beschlossen, dass er dies und das in seinem Leben ändern müsse.

 

 

Zweifelsohne musste er sich davon zurückzuziehen. Auch aus gesundheitlichen Gründen. Sein Körper wurde schon seit langem von Verspannungsschmerzen dominiert. Und der jüngste Versuch, etwas dagegen zu tun, hatte ihm nur verdeutlicht, dass, wie schön, sein Problem keines des Skeletts und der Muskeln war. Sondern ein seelisches Problem. Er war zu empfindsam. Hochsensibel. Und er nahm schwer. Sehr schwer. Vor allem Negatives.

 

 

Die Kerze flackert nun einen Schatten an die Wand. Der sieht aus wie der Geist eines Hundes, dessen Rute zum Mitkommen winkt. Müdtrunken stolpert er, mit dem Weinglas in der Hand, auf den Schatten zu. Stößt sich den Kopf an der Wand. Der Hund gähnt. Noch bevor das Maul sich schließt, rutscht er an der Wand nach unten. Die Rute klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter.

 

 

Natürlich. Er stand sich mit etlichen seiner Wesenszüge selbst im Weg. Einige würde er vielleicht ändern können. Andere aber wohl eher nicht. Doch was er wirklich tun kann, ist, negative Umstände und negative Menschen meiden. Wie auch jenes bestimmte Medium der Kontrakommunikation. Ergo …

 

 

Der Wein beginnt zum zweiten Mal zu wirken. Müdigkeit durchwandert ihn. Die Füße sind bereits kalt und beginnen gefühllos zu werden. Gefühllos. Welch schöner Zustand. Welch schöne Vision. Nichts mehr, ganz nichts mehr fühlen. Schmerzfrei im Körper sein, schmerzfrei in der Seele. Und wieder bereit, lustvoll Verrücktes zu tun. Geisterhunden folgen. Aus Wänden bellen.

 

 

Ja. Schon. Einige würde er vermissen. Vor allem die, die er im realen Leben kennenlernen durfte. Wahrscheinlich würde es ohne dieses bestimmte Medium nur eine Frage der Zeit sein, bis man den losen Kontakt ganz verloren haben wird. Schade. Aber dann ist dem so. Deren Zeiten des Vermissens sind schon lange vorüber.

 

 

Das Weinglas dreht am Boden seine traurige, letzte Runde. Hinterlässt eine dünne, blutige Spur. Kommt zur Ruhe. In der sich beruhigenden Neige schneit es zärtlich. Etwas setzt sich. Er aber spürt nicht, ob er noch sitzt. Ob er schwebt. Mühevoll greift seine Hand, vielleicht die linke, vielleicht die rechte, nach dem Hund, der nach ihr schnappt. Kein Schmerz. Endlich.

 

 

Schluss.

 

 

Am Fenster spreizt ein großer, schwarzer Vogel seine Flügel und schlägt nach der Flamme der Kerze. Arme schweben. Ein Gesicht verliert sich in der Wand. Stumm bellt eine Stimme. Der Hund öffnet wölfisch sein Maul und stülpt sich über. Die Rute schlägt noch ein Mal. Die Flügel schlagen noch ein Mal. Die Kerze verlischt. Der Hund ist verschwunden. Und mit ihm der große, schwarze Vogel. Zurück bleibt einzig das Weinglas, die Neige und der Pulverschnee, dessen Kristalle.

 

 

 

 

In der Tat: Die Kontakte verloren sich. Eine schrieb mal. Wunderte sich aber auch nicht über keine Antwort. Doch ansonsten: Schmerzfrei! Der Plan hatte funktioniert.

 

 

 

 

Aconitin. Stellte man fest. Später. Viel später.

 

 

 

© Jürgen M. Brandtner - 15.12.2015

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Kommentare: 1
  • #1

    Annette (Mittwoch, 16 Dezember 2015 21:29)

    Das ist UNHEIMLICH! UNHEIMLICH GUT!
    Der blutige Rotwein in meinem Glas, die flackernde Kerze auf meinem Tisch, dein Text... Wirklich unheimlich. Unheimlich wirklich!