HÖREN WIR AUF MENSCH ZU WERDEN

(Dieser Text erhebt keinen Anspruch. Er floss einfach so. Er ist auch hier und da nicht zu Ende gedacht. Aber vielleicht enthält er doch etwas, dass das Lesen keine verlorene Zeit ist.)

Riechst du es? Unsere lebenswichtige Luft ist verschmutzt. – Siehst du es? Oder liest du wenigstens darüber? Unsere lebenswichtigen Ozeane sind verpestet. – Spürst du es? Unsere Wirtschaft kollabiert. – Denkt dir dies? Unsere Bildung ist am Boden. – Interessiert dich jenes? Korruption blüht und gedeiht.

Ja, ja und nochmals ja? – Und doch wird eigenständiges Denken soweit es geht vermieden. Wundert es aber? Wo doch Ignoranz belohnt wird.

Wir Menschen sind depressiv, zornig, voller Wut. Wir können nicht miteinander leben. Doch mit uns selbst auch nicht. Also nehmen wir Medikamente. Gehen auf der Straße wort- und grußlos aneinander vorbei. Und wenn wir doch miteinander sprechen, so ohne tiefere Bedeutung. In Floskeln. Oder noch lieber: In Smileys.

Wir träumen von 3 Minuten inhaltslosem, aufgeblasenem Ruhm, statt von einem ganzen Leben voller Bedeutung und Sinn. Es ist wichtig, richtig angesagt und hip zu sein, statt Richtiges zu tun.

Wir leben in einer Welt der Lüge. – Finanzmagnaten lügen. Firmenbosse lügen. Politiker lügen. Und globalisieren uns in einer Welt von wenigen Superreichen und viel zu vielen Superarmen, in einer Welt, in der jede Rasse vor der anderen, jede Religion vor der anderen Angst hat. Mein Gott existiert, deiner aber nicht. Dabei ist Gott, wie Tom Waits sang, auf Geschäftsreise. Und er trägt sich weltweit in den Zivilisationsstundenhotels unter dem Namen Mammon ein. Tut, was alle tun. Er vögelt in Maßlosigkeit mit der Wollust und mit der Gier, voller Neid und Zorn, mit trägem Herzen, doch voller Hochmut.

Und in den Häuserschluchten und Gassen gibt es nur noch Abfall und Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, aber keine spielenden Kinder mehr. Denn die versitzen ihr junges Leben vor Konsolen und werden zu Vidioten, während ihre Eltern sich an Maschinengewehrsalven, Zerstückelungsmacheten und Atombombenexplosionen ergötzen - und sich mit blutleeren Vampiren und Zombies die Spiegel vorhalten, ohne irgendeinen Zusammenhang zu erkennen. Und sie prosten dabei narkotisiert nicht mehr Dionysus zu, sondern dem Fortschritt, der Hightech. Die ihnen alles versprochen hat, was sie vielleicht haben möchten, und alles genommen, was sie wirklich brauchen. Und bald auch das Wasser zum Trinken. Sagt Nestlé.

Doch jeder Mensch weiß ja alles besser als der andere. Jeder geht schließlich an den besseren Arbeitsplatz und natürlich an den besseren Urlaubsort. Um dort unter seinesgleichen alle Anderen und Andersartigen zu ignorieren. Oder ihnen die Schuld am Verlust des eigenen Arbeitsplatzes zu geben. Oder daran, dass die Sonne der Anderen zu heiß scheint, ihr Wasser zu nass fließt, ihr Essen zu anders ist als die eigene Mindernahrung.

Menschen, also Menschen, echte Menschen, deren Bezeichnung sich einst aus dem Adjektiv menschlich ableitete, gibt es immer weniger. Sie rotten sich aus. Nicht aber die Wurzel des Übels. Das Geld. Schon den Kindern wird eingezählt, dass nur der Job sinnvoll wäre, der am meisten Geld bringt. Weil man mit viel Geld Kinder, die heranwachsen und Bedürfnisse entdecken, stumm kaufen kann. Weil man mit viel Geld viel schneller im Stau stehen kann. Weil man mit viel Geld weit ausgiebiger kotzen kann. Und vor allem weil man mit viel Geld noch viel mehr Geld machen kann - auch wenn dieses nicht zum Essen taugt und nicht zum Trinken. Aber brennen tut es gut. Singt Hubert von Goisern. Zurecht. Doch es brennt schnell. Sehr schnell. Also braucht es noch mehr Geld. Noch viel mehr Geld. Für noch viel mehr Profit.

Was keinen Profit abwirft, ignorieren wir großzügig. Nicht mehr in Menschen wird investiert, nur noch in Namen. Nicht mehr in Qualität, nur noch in Namen. Nicht mehr in Menschlichkeit, nur noch in Namen. Dann aber am besten gleich als megagroßes Event. Um, natürlich, den Profit zu steigern. Mit möglichst vielen zahlenden Schafen, die Applaus blöken und nicht wissen warum. Um den Profit zu steigern. Doch es gibt ja Vorlacher und Applausschildhalter. Um den Profit zu steigern. Und Kameras, die alles festhalten, dass jeder sich selbst im zeitgleich im Smartphone, auf dem Tablet und im gebogenen Flachbildschirm betrachten kann. Um den Profit zu steigern.

Und wenn das noch nicht genügt, schicken wir Kameramänner in die Welt, um vom Unglück zu berichten. Nichts verkauft sich besser als das Unglück.

Nach „unserem“ Krieg hätte man sich deswegen geschämt. Unsere Eltern bzw. Großeltern. Aber was wissen schon die Alten. Außerdem sind „wir“ ja jetzt nicht im Krieg. Meinen wir gerne. Und Scham? Ist sowieso aus der Mode gekommen. Dafür hat man schließlich das Fremdschämen erfunden.

Und keine Reste eigener Scham? Doch! Ja, es gibt sie. Vor allem in punkto Äußerlichkeit. Für unser Aussehen können wir uns ganz heftig schämen. Natürlich nur ganz leise und ohne es zuzugeben. Schnell ein Makeup drüber. Und siehste nicht, hat‘s keiner gesehen.

Milliarden werden bestimmt investiert, um unsere Hüllen ums Verdorbene auf Hochglanz zu bringen. Damit wir so schön sind, wie es die Profiteure vorgeben, dass wir schön zu sein haben. Was wir brav glauben. Und wenn diese Profiteure-Schönheit auch auf direktem Weg über die Magersucht in den eigenen Tod führt. Wobei keiner von uns, der diese morbide Schönheit erringt, je einen dem Hungertod preisgegebenen Menschen gleichen Aussehens für schön halten würde. Nur eben sich selbst. Im Spiegel des Narzissmus. Aufgestellt von den Profiteuren.

Spiegel, die tatsächlich gar keine Spiegel sind, sondern Schimären teuflischer Ideale, die kein Mensch aus Fleisch und Blut jemals erreichen kann. Die auch keiner von uns erreichen soll. Teufelsfratzen, für die wir hungern, Teufelsfratzen, für die wir Seelenstriptease aufführen. Teufelsfratzen, für die wir kaufen und kaufen und kaufen, ohne zu wissen weshalb. Dabei ist es doch so goldklar: Um den Profit zu steigern jener Teufel, denen das Geld schon aus Nasen-, Ohr- und Arschloch fließt.

Und wir, Brave, kaufen und kaufen. Und passen uns an. Einer an den andern. Ganze Aussehensarmeen laufen mittlerweile durch die Endzeitstraßen. Alle mit denselben Smartphones und denselben Klamotten und denselben Frisuren und denselben Burger-Blähungen mit denselben eingefahrenen Denkmustern vor denselben überdimensionierten Flachbildfernsehgeräten, aus denen dieselben Bilder mit denselben Smartphones und denselben Klamotten und denselben Frisuren und denselben Burger-Blähungen herausfließen. Bis einige besonders Dumme unter uns zwei Wochen später den Profiteuren erneut auf den ekelhaften, menschenverachtenden Leim gehen und das Mühlrad, das uns zermahlen wird, erneut in Gang bringen. Und alle lassen wir uns wieder als Esel einspannen ins Zaumzeug der Profiteure und kaufen neue identische Smartphones und neue identische Klamotten. Lassen sich neue identische Frisuren und neue identische Burger-Blähungen verpassen. Nur um den Profit der Profiteure neu zu steigern. Und das gute Gefühl zu haben, dazu zu gehören. Wobei niemand mehr weiß, wozu eigentlich. Denn auch hier ist alles nur noch Hülle. Aber: Man ist in. Und in Zaum gehalten. Dies vor allem. Doch wie geht’s da raus?

Keine Ahnung. Ich weiß nur, ohne Liebe unter und zwischen den Menschen geht da gar nichts. Ich meine nicht die Liebe, die wie ranziges Frittenfett hochglänzend aus den Medien tropft. Nicht die an Profit gekoppelten Gefühlseskapaden und Charity-Veranstaltungen, die einzig dazu dienen, nicht vorhandenes Mitfühlen durch den modernen Ablass der angeblichen Empathie-Fähigkeit zu vertuschen. Nein, nein. Es sollte wohl doch eher eine echte Liebe sein.

So eine im Herzen. Die danach schreit, gegeben zu werden. Verschenkt zu werden. An sich selbst zunächst. Dann an den Menschen rechts, dann an den links. Oder auch umgekehrt. Dann einmal die Straße runter. Um den Block. Durchs ganze Viertel. Die Stadt. Den Nachbarort. Den Landkreis. Das Bundesland. Deutschland. Oder welches auch immer deine Heimat ist. Die jeweiligen Nachbarländer. Den Kontinent. An alle Kontinente. An alle Berge. An alle Meere. An alle Himmel. An alle Höllen. An alles, was lebt.

Aber beginne bei dir. Nur wenn du dich, so wie du bist, liebst, wirst du andere, so wie sie sind, lieben können. – Dann hat sich das mit Gier und Neid ganz schnell erledigt. Und die Profiteure gucken dumm aus der Wäsche, wenn du die Kaufspirale verlassen kannst. – Dann ist dein Herz voll und kennt keinen Hochmut. Und die Profiteure müssen unter sich Krieg führen. – Und Maßlosigkeit, Wollust und Zorn … warten wir es ab.

Doch beginnen musst du bei dir. Du musst dich verändern und nicht die andern verändern wollen. Liebe beginnt in einem selbst und endet in einem selbst. Und in einem weltumspannenden Bogen kann sie nährend einschließen, wer immer ihr begegnet.

Hört auf, irgendwelchen Klugscheißern der Politik, der Religion, der Wirtschaft, der Träumeindustrie zu glauben. Wir werden menschlich geboren. Mit der absoluten Fähigkeit zur absoluten Liebe.

Hören wir auf Mensch zu werden.

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