Und es ist wieder überraschend ...

Eigentlich weiß man es ja, dass ohne Schwarz kein Weiß, ohne Nacht kein Tag, ohne Yin kein Yang, ohne Dies kein Das ist. Aber man vergisst allzu gerne die Seiten, die einem nicht passen. Wenn Neues entsteht, möchte man vom Vergehen nichts wissen.



Ein Wochentag. Nach 19 Uhr. Ein gemischtes Ensemble, zur Hälfte sogenannte Schauspielamateure, zur Hälfte sogenannte Schauspielprofis, trifft sich, um an einem neuen Theaterstück zu arbeiten. Der Regisseur redet, die andern hören zu. Man möchte verstehen. Aber doch nicht zu viel. Los geht’s. Ausprobieren.

 

Man kennt sich noch nicht lange, muss suchen, sich versuchen, anbieten, hinterfragen, abtasten. Die Figuren hingegen kennen sich. Sind vertraut miteinander. Haben schon jede Menge Leichtgläubige gemeinsam aufs Kreuz gelegt und sich zur Belohnung auch: Vögeln als Abschluss ihrer Gaunereien. Eine zwischenmenschliche Entdeckungsreise durch schichtweise Aufbau beginnt.

 

Später. Andere Paarung. Man kennt sich schon lange. Die Figuren nicht. Man muss vergessen, was man kennt. Es ist nicht vorhanden in dieser Figurenkonstellation. Doch was genau. Und was vielleicht irgendwie auch doch. Gleich. Nur anders. Hier: Eine zwischenmenschliche Entdeckungsreise durch schichtweise Abbau beginnt.

 

Die Paarungen: Beide Male Profi trifft auf Amateur.

 

Wie gesagt, es ist Wochentag. Und die Amateure müssen am nächsten Morgen früh raus. Sie haben einen Job, der ihnen ihr Leben finanziert. Sie haben Partner, die zu Hause auf sie warten. Sie sind keine Theaterprofis.

 

In beiden Probeneinheiten, was geschah? Ein Unermüdliches. Wieder und wieder die Suche in den Momenten, in den Worten, in den Blicken, in den Gesten, in den Herzen. Bis etwas wuchs bzw. fiel. Und dann erst recht nochmal von vorne. Und von vorne. Und von vorne. Einen Schluck Kaffee. Eine Zigarette. Einmal Pipi. Und von vorne. Und von vorne. Nach 23 Uhr erst befriedigtes Unterbrechen. Mit der Vorfreude aufs nächste Mal. Aufs Weitermachen. Auf die kommende Theaterprobe.

 

Noch mal: Amateure. Die einem andern Herrn dienen. Müssen. Weil sie sich so entschieden haben. In denen aber ein unstillbares Feuer brennt. Aufgeheizt davon und beseelt verlieren sich die Profis an die Nacht.

 

Sprung. In eine andere Zeit. An einen anderen Ort.

 

Werdende. Aus freier Entscheidung.

 

Man will etwas werden. Will etwas erreichen. Am Ende etwas sein. Profi. Behauptet man.

 

Da wären Gesten zu verlernen und neue zu finden. Da wären Gefühle zuzulassen, vor denen man Angst hat. Da wären Blicke auszuhalten. Da wären Berührungen zuzulassen. Das wäre das Besamen des Nichts, um einer Schimäre glaubhaftes Leben zu schenken. Da wäre das schweißtreibende Erlernen der Reproduktion. Der Selbstwahrnehmung. Der Fremdwahrnehmung. Der ganzheitlichen Kommunikation. Des sich Vergessens ohne sich zu vergessen. Des Fallens, während man sich hebt.

 

Doch wie gerne wird - nicht bei allen, bei einigen - dem Laissez-faire der Vorzug gegeben. Der Einmaligkeit des Tuns. Dem Abbruch. Dem gar nicht erst Anfangen. Dem Leben, das wartet.

 

Dabei wartet das, was wartet. Es liegt schon in den Worten. Auch später noch. Und kommt sogar in anderer Verkleidung wieder. Und wartet wieder. Und wieder. Allein der Moment der Entdeckung, der dem unermüdlichen Tun entspränge, der wartet nicht. Wenn für ihn die Zeit wäre, und man selbst ist nicht da, sich beharrlichem Tun hingebend, hat man ihn verpasst. Und verpasst somit das eigene Werden.

 

Und plötzlich, im eigenen Stillstand, unbemerkt, ist eine Zeiteinheit vorüber und noch eine Zeiteinheit.

 

Und schließlich, ohne dann etwas zu sein, stehen sie vor der kalten Glut dessen, was sie einst fälschlich für Feuer hielten. Doch da war kein Feuer, das brannte. Es war nur die Vorstellung davon, was ein Feuer sein könnte. Eine Kopie womöglich nur der Vorstellung eines anderen, der selbst nur eine Kopie vorliegen hatte. Und so ist da auch kein Feuer, das brennt. Gedankenkopien brennen nicht.

 

Und da wird kein Profi sein, der sich davon aufheizen ließe. Keiner, der beseelt durch sie sich an die Nacht verlöre.

 

Am neuen Tag erheben sich mit der Sonne ein Yin. Und ein Yang. Zufriedenheit. Und Enttäuschung.

 

Und es ist wieder überraschend …

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Stephie (Donnerstag, 29 Oktober 2015 13:19)

    Das ist so schön geschrieben, so eindringlich und so klug. Danke!
    Und ja, je intensiver wir wahrnehmen, was geschieht und was es mit uns macht, desto überraschender ist das Leben. Nie lernt man so viel wie in Krisen, wenn man sich aus der Opferrolle befreien kann und annimmt, was da kommt an Yin und Yang. Das Leben ist schön und enttäuschend und überraschend. Ich kann dir nur zustimmen!

  • #2

    Tasia Truss (Sonntag, 22 Januar 2017 08:31)


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