ANFANG EINES NIE GESCHRIEBENEN THEATERSTÜCKS

DER REGISSEUR im Dunkel der Bühne
Wie wäre es denn hier mal mit Licht?
Es bleibt dunkel
Hallo? - Ich will mich ja nicht als Gott aufspielen, aber: Es-wer-de-Licht!

Es bleibt dunkel
Na gut. Dann warte ich eben. Bin ich als Regisseur ja gewohnt.
Es bleibt dunkel
Ist hier denn außer mir überhaupt irgendwer? Jemand von der Technik? Einer der Schauspieler? Sandra?
Es bleibt dunkel
Das kann ja wohl nicht wahr sein. - Sollte ich mich im Termin geirrt haben? -
In den Zuschauerraum
Entschuldigen Sie. Ich weiß, Sie sehen mich nicht. Aber ich sehe Sie ja auch nicht. Aber wenn Sie da sind, würden Sie bitte mal ein lautes Ja ins Dunkel unseres Daseins sprechen?
[ - Hallo? ]
Er wird wütend
Verdammt noch mal. Ich brauche Licht.
Es bleibt dunkel
Das ist doch wirklich eine Zumutung, so was. Da möchte ich Kunst machen und man lässt mich im Dunkeln stehn.
Es bleibt dunkel
Nur mal so nebenbei bemerkt: Ich bin einem Kuriositätenkabinett entsprungen. Ich arbeitete dort als Frau ohne Unterleib, die eigentlich ein Mann ohne Oberleib war. Gemeinsam war uns nur der Kinnbart und die Brüste. Sowie die Maße 100-50-40. Einmal so rum und einmal so rum. Sah ziemlich bescheiden aus. Vor allem so rum. Weshalb ich mich dann zur zersägten Jungfrau umschulen ließ und an Wochentagen als Mann ohne und am Wochenende als Frau ohne auftrat. Und nun stehe ich hier ganz ohne …
Es wird schlagartig hell
Na also, geht doch!
[ Sie sind ja da. Wieso haben Sie denn vorhin nicht laut Ja! gesagt? ]
Keine Schauspieler. Prima! Das fängt ja gut an. Aber wundert es mich? Nein. Schließlich gibt es ja kein Probengeld. Als Sargträger wurden uns sogar die Proben bezahlt. Sarg rauf, Sarg runter, Sarg rauf, Sarg runter. Manchmal mit, manchmal ohne Inhalt. Aber immer mit Probengeld. Dafür macht man ja so manches, für Geld, nicht? Nur die Vorzeigehure der Kunst soll die Beine ohne Bezahlung breit machen. Nein, ich kann’s ihr nicht verdenken, wenn sie klemmt.

SCHAUSPIELER EINS
im Off
Verdammt! Der Vorhang klemmt!
Stolpert mit einem Stuhl herein, setzt sich in die Bühnenmitte
Mann, Mann, Mann. Das geht ja wieder gut los!

SCHAUSPIELER EINS
Oh! Du bist ja schon da. Wartest du schon lange? Naja, ist ja auch egal. Also. Ich hab mal einen Stuhl mitgebracht. Ja? Jemand sagte mal, dass man Pirandello im Sitzen spielen soll. Denn wenn man im Sitzen über die Bühne geht, käme es zu einer wundervollen Verwischung von Realität und Illusion. Oder so. Der Stuhl steht dann auf einem Teppich … Notierst du das bitte? Teppich besorgen! Ja? … unter den man dann die Leidenschaften kehren kann, dass das Ganze nicht so … Du verstehst? Eine Metapher! … Quasi unter der Oberfläche. Nicht? Und wenn dann doch, dann nicht echt. Um Himmels Willen. Nein! Spielen. Schau-Spielen! Aufsetzen! … Apropos … Hast du schon einen Kaffee aufgesetzt?

DER REGISSEUR
Noch was? Glaubst du, ich bin deine unbezahlte Regieassistenz und dazu da dir Kaffee zu kochen?

SCHAUSPIELER EINS
geht ab ins Off
Ist ja gut! Mach ich’s eben selbst. Geht aber alles von deiner Probenzeit ab.

SCHAUSPIELER ZWEI
tritt auf mit einem dicken Buch
Morgen, mein Lieber. Bist ja schon da. Dachte, ich wäre der Erste.

DER REGISSEUR
will etwas sagen

SCHAUSPIELER ZWEI
Vergiss deine Rede nicht. - Schau, was ich gestern Abend auf dem Flohmarkt gefunden habe. Hochinteressant! Von einem Tankwart Durst oder so.

DER REGISSEUR
Tankred Dorst meinst du wohl.

SCHAUSPIELER ZWEI
Sag ich doch: Oder so. - Also. - Da drin steht, der Schauspieler muss seine Sprache vergessen, die Wörter vergessen, alles, was er gelernt hat, vergessen.

DER REGISSEUR
Sollte dir nicht schwer fallen.

SCHAUSPIELER ZWEI
Bitte? Ach, egal. - Man solle auf jeden Fall ganz und gar unwissend, mit einer großen Leere sozusagen … Und dann schreibt er noch was von Parzival, aber das habe ich nicht verstanden. - Jedenfalls ist das doch …

DER REGISSEUR
… Feuerbach …

SCHAUSPIELER ZWEI
Was? Nein! Das ist … Was wollt ich denn jetzt sagen? Du hast mich ganz aus dem Konzept gebracht! … Ach so, ja! Das ist genial, wollte ich sagen. Die große Leere. Aus der heraus muss alles kommen. Und deshalb schlage ich vor, dass wir meinen großen Monolog auf Seite 21 streichen. Also, die Worte. Ich spiele dir das. Stumm. - Jetzt schau nicht so. Das geht. Mein Schauspiellehrer hat mir erzählt, dass er mal …

DER REGISSEUR
… den Hamlet-Monolog stumm gespielt hat. Und alle hätten jedes Wort verstanden. Ich weiß, ich weiß. Aber „Sein oder nicht sein“ kennt ja nun auch jeder. Da ist das nicht so schwer. Aber wer kennt schon noch Pirandello? Hä? Du selbst hieltst ihn für ein italienisches Kalbfleisch-Thunfisch-Antipasto. - Und außerdem: Wie möchtest du denn die dritte humanistische Ableitung einer reziproken Querschnittsformulierung einer inversen Liebeswirre stumm darstellen. Da kommt doch nichts dabei rüber. Das bleibt doch alles vollständig leer …

SCHAUSPIELER EINS
aus dem Off
Die Kaffeedose ist leer. Haben wir irgendwo noch Pulver?

SCHAUSPIELER ZWEI
Kommt nichts dabei rüber. Pah! - Warte, ich komme. In der dritten unteren Schublade von oben meine ich gestern noch ein Päckchen fair Gehandelten gesehen zu haben …
Ab ins Off

DER REGISSEUR
setzt sich genervt und erschöpft auf den mitgebrachten Stuhl
Unglaublich. … Schwachsinnig. … Von seinem Vorschlag ganz zu schweigen. Da fehlt es doch ganz klar an Biss.
Zieht die Schuhe aus, öffnet den Gürtel seiner Hose
Ohne Biss kann man aber doch diesen Beruf gar nicht ausüben. Zum Glück bin ich da anders. Völlig anders.
Zieht seine Socken aus, puhlt sich nachfolgend zwischen den Zehen
Wen ich etwas tue, dann aber richtig. Mit letzter Konsequenz. Ich lasse nichts aus. Gehe bis zum Äußersten. Bleibe niemals nur an der Oberfläche. Ich tauche ein in jeden nur denkbaren Spalt. Tief, tiefer, am tiefsten. Hole alles raus.

 

SCHAUSPIELERIN tritt auf, mit jeder Menge Taschen oder Tüten mit Schuhen
Sei so gut und lass mich mal hinsitzen. Ich war einkaufen. Schuhe. Fürs Stück natürlich. Außer den Roten. Da konnte ich einfach nicht widerstehen. Ich sage dir, die sind ja sowas von abgefahren. Der totale Wahnsinn.

DER REGISSEUR
Stimmt.

SCHAUSPIELERIN
Weißt du, ich bin ja ganz arm aufgewachsen. Musste immer barfuß gehen. Und da habe ich mir in einem Winter, beim Eislaufen auf nackten Füßen, geschworen: Wenn ich mal Geld habe, dann kaufe ich Schuhe. Schuhe, Schuhe, Schuhe. Nie wieder sollen meine, im Übrigen ausnehmend schönen Füße, ohne Schuhe sein. Ich schlafe sogar in Schuhen. Im Ernst. Die habe ich mir extra, das darf man ja gar nicht sagen, aus feinstem, patiniertem Buchleder herstellen lassen.
Sieht das Buch, das Schauspieler Zwei mitgebracht hat
Ich werd verrückt. Sieh dir dieses Buch an. Sieht es nicht total süß aus? Für ein Paar Flipflops müsste das Leder doch reichen.
Versucht zu entziffern
Tank-wart-Durst …

DER REGISSEUR
Dorst. Tankred Dorst.

SCHAUSPIELERIN
Kenn ich nicht. Ist doch auch egal. Ich will ja nicht den Mann, sondern das Buch verarbeiten. Wem gehört es denn?

DER REGISSEUR
zeigt in Richtung Kaffeeecke im Off

SCHAUSPIELERIN
Ach, sind die Jungs schon da? - Hallo, ihr Süßen. Ratet mal, was ich mitgebracht habe!?
Dampft mit ihren Einkaufstaschen in Richtung Küche ins Off ab.


Kommentare: 3
  • #3

    Anna (Dienstag, 16 Februar 2016 14:08)

    Wusst ich doch, dass IMMER WIEDER NADA mir bekannt vorkommt... Man erkennt Parallelen. Ich hab mich ja schon beim Lesen beinahe eingepinkelt. Es auf der Bühne zu sehen war fast unerträglich. Ich pruste heute noch manchmal los, wenn ich dran denke.
    HAMMERTYP

  • #2

    Anita Vogel (Sonntag, 21 Juni 2015 17:15)

    Sagenhaft !
    So geht das zu, wenn noch kein Zuschauer da sind

  • #1

    Dirk Juschkat (Donnerstag, 18 Juni 2015 19:48)

    Köstlich! - Oder etwa der Realität nachempfunden? ;-)