HINTERM SECHSTEN TÜRCHEN

Als ich, sagen wir: Nautilus, durch das sechste Türchen trat, war da nichts. Also, ich meine jetzt nicht so ein kleingeistiges Nichts in Esoterikweiß oder eines in Existentialismusschwarz. Neinnein. Nein. Dieses Nichts war weder noch, es war einfach ein absolutes Nichts. Und in dies ging ich hinein. – Nein.



Ich fiel. – Direkt in dieses Meer roter Tomatensoße. Ich kam mir vor, wie ein, sagen wir: grünes Gummibärchen, das nicht schwimmen konnte. Und das war gut so, denn Gummibärchen brauchen keinen Sauerstoff. Ich sank in der Tomatensoße also tiefer und tiefer. – Genauer.


Ich blieb an Ort und Stelle. – Die Soße türmte sich um mich herum höher und höher. Wurde zur wahren Monsterwelle. Auf deren Kamm Kapitän Ahab, mit Pferde- oder ähnlichem Geschirr festgezurrt auf dem Rücken eines weißen Pottwals, ernsthaft ins Gespräch vertieft war mit einem Herrn Jona. Der ist hier nicht wirklich wichtig. Er wollte nur endlich nach oben und nach Hause. Ahabs Beteuerungen, dass sie sich ja ganz oben befänden, halfen nichts. Da drehte ich die Tragödie. – Um.


Komödie. Einfaches Volk. Spaß. – Durch meinen gläsernen Boden hindurch betrachtete ich, sagen wir: Nautilus, 20 000 Meilen tief unter mir, wie Ahab, Jona und der Pottwal in der tiefsten Gosse Gummitwist spielten. Am Gummiband hingen ausgeschlürfte Austern mit Perlen. Immer, wenn der nicht ganz so schlanke Pottwal an der Reihe war, brachte er diese zum Jingeln. Dann wurden aus den Gassenkindern Ahab und Jona zwei Crooner, die Gassenhauer sangen, –  und es …


Schneite in leichten Flocken. – Auf das Dach der Halle, in der diese fantastischen tomatensoßenroten Schlitten standen. Und all diese fantastischen Schlitten hatten wohlklingende Namen, wie z.B. MaccheroniMaserati , Bucatini Bugatti oder FettuccineFerrari. Hungrige Renntiere, die auf Auslauf warteten. Es begab sich aber zu der Stunde, dass ich, in Verkleidung einer Schneeflocke, ich, sagen wir: Nautilus, Nein!, sagen wir: James Bond, Nein!, sagen wir: Fantomas, Ja!, mich gleichfalls auf das Dach abseilte. Und was ich sah, war einfach nur zum Dahinschmelzen. – Genauer.


Es schmolz. ­– Das prachtvolle Auge des Safes. Unter meinem intensiven Blick. Wie Eis. Ich stellte einen Bourbon unter. Nun musste ich nur noch an seinem Ding drehen. Prachtvoll. Doch dahinter. Ödnis. Verärgert begnügte ich mich mit dem einfachen Klau eines N aus dem Schriftzug. Und ließ, trotzig, noch nicht einmal die übliche Visitenkarte mit dem F als Ersatz zurück. – Voran.


Nur mehr Rentiere waren sie nun. – Das hätte sie verkraftet. Aber die Schriftzugführergewerkschaft schaltete sich ein und bestand darauf, dass ihre wohlklingenden, sinnlichen Namen nicht mehr möglich seien. Und bot in einer Urabstimmung an: Michael und Gabriel. Erzengel. Niemals, dröhnte es aus den Boxen. Charles. So hieße der Besitzer eines Sternerestaurants. Zu vornehm. Nein. Dann aber der Wirt der ortsnahen Weinstube. Ein echter Jedermann. Rudolf Hofmann ... Passt! Wird genommen. Für alle. – Jawohl.


Nein, nein. – Es sollte zu Gunsten des Heiligen Nikolaus und schöner eigener Traditionen endlich aufhören mit diesen Rudolf-Rentieren und dem übergewichtigen Cola-Claus. Wo war der eigentlich abgeblieben? Seine Verkleidung als weißer Pottwal in roter Tomatensoße war ja nicht schlecht. Die Kostümfarbe stimmte mittlerweile. Doch leider vergaß er zu spät sich zu verwandeln. Er landete nach anmutigem Flug in voller Pracht und Breitseite auf dem Dach der Halle. Jetzt liegt er, die Halle unter sich, auf dem Erdboden, der sich rot färbt. Ich probiere. Es ist keine Tomatensoße. Ein Sternlein blinkt fröhlich.


© Jürgen M. Brandtner - 08.12.2014

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