Meine (erste) Rede zur Vernissage von Ingrid Ruhl "Perlsamtschwarz, Champagnerweiß & etwas Farbe" am 14.11.2014 beim Kunstverein Fellbach

Guten Abend, liebe Freunde des Kunstvereins und somit, hoffe ich, auch der Kunst!

 

Ich begrüße Sie herzlichst zur Vernissage von Frau Ingrid Ruhl, deren Ausstellung hier im Keller des Kunstvereins von ihr den Titel bekam: „Perlsamtschwarz, Champagnerweiß und etwas Farbe“.

 

Ich bin weder Sach- noch Fachverständiger, einfach nur Liebhaber der Kunst und auch der Malerei, und werde Sie deshalb auch nicht wirklich mit philosophischen Interpretationen und Deutungen des Werks von Frau Ruhl langweilen, in denen unsere Künstlerin dann mit Schrecken nichts davon wiedererkennt, was sie einst bewogen hat, ihr Werk zu schaffen und was sie damit zum Ausdruck bringen wollte.

 

Auch wurde durch viele Worte noch nie ein künstlerisches Werk vollendet, am allerwenigsten aus enger subjektiver Sicht, da jede Art von Kunst ihre eigne Botschaft sendet und eine ganz persönliche Sprache spricht! Und gerade die gemalte Bildersprache vermag uns ja zeitlos zu faszinieren, besonders dann, wenn sie das Auge unserer Fantasie beflügelt.

 

Malerei – heißt es – beginne dort, wo Worte nicht mehr genügen. Dann verkleiden sich Gedanken und Ideen in Sinn-Bildern mit unendlich vielen Zeichen und es heißt für den Betrachter: „Schauen, schweigen und tolerieren!“ Denn zum einen sollte man stets bedenken, dass sich in jedem schöpferischen Werk eine Künstlerseele, mehr noch, eine Menschenseele spiegelt, die zerbrechlich ist wie die eines jeden von uns, und zum andern muss und kann man nicht alles hinterfragen. Und so kann über Schönheit und Ästhetik jeder ganz für sich entscheiden.

 

„Perlsamtschwarz, Champagnerweiß und etwas Farbe“. Im Zentrum der Werke dieser Ausstellung, meine Damen und Herren, steht das Ergebnis einer schöpferischen Lust zu ergründen, welche gestalterische Vielfalt die beiden unbunten Farben, beide in sich selbst schon ein ganzes Spektrum von Abstufungen tragend, nämlich das Schwarz, z.B. das einer Tahitiperle, und das Weiß, z.B. das des Champagners, im Spiel mit ihren mannigfaltigen Schattierungen erlauben.

 

Schwarz, das ist, wenn alle Farben fehlen. Also rein physikalisch gesprochen ein Nichts. Aber jeder von uns, der malt oder über den PC Texte ausdruckt, wird hier widersprechen. Denn Nichts dürfte ja nichts kosten. Doch die unbunte Farbe Schwarz kostet sehr wohl. Sie ist also nicht Nichts. Das erkennt man auch sehr schnell daran, dass es Nachtschwarz gibt, und Vampirschwarz, Zauberer- und Hexenschwarz. Selbst Feuerschwarz gibt es und Erdschwarz. Und allein diese Benennungen machen uns ahnen, dass es sich bei Schwarz vielleicht wohl um eine unbunte, dafür aber um eine sehr geheimnisvolle Farbe handelt, der Eleganz, Würde, Macht und Seriosität zugeschrieben werden. Und nicht zuletzt auch die Kreativität selbst, da aus dem Dunkel alles geboren wurde.

 

Weiß hingegen ist, wenn alle Farben zugleich da sind. Also ein Alles. Doch das, das Alles versinnbildlicht, ist Gott. Oder, um nicht einzuengen und das Sinnbild auch auf Andersgläubige und Atheisten zu erweitern: Weiß ist Licht, Vollkommenheit und Reinheit. Mit der nie endenden Bereitschaft zur Veränderung und zur Vervollkommnung.

 

Und zwischen diesen Polen, meine Damen und Herren, spannt sich der gestalterische Bogen des Werks von Frau Ingrid Ruhl. Schwarz mit anderen Farben in Einklang zu bringen, mal mit exakten Linien, mal wässrig gebunden, und dadurch Licht und Helligkeit entstehen zu lassen und immer neue Formen zum Erscheinen zu bringen, das ist es, was die Arbeiten von Frau Ruhl auszeichnen, das ist es, was in Ihnen, meine Damen und Herren, beim Betrachter der Bilder die Phantasie anregen kann - wenn Sie es denn zulassen.

 

Ingrid Ruhl ist Mitglied - oder muss es heute Mitgliedin heißen - im Württembergischen Kunstverein, im Kunstverein Fellbach, beim KunstWerk Fellbach und im Kunstverein Ludwigsburg. Sie begann, wie sicherlich viele, die sich der Welt des Malens zuwenden, mit der Aquarellmalerei. Und voller Leidenschaft gab sie sich ihr über viele Jahre hin. Bis sie dann eines Tages beschloss, sich damit allein nicht mehr zu begnügen. In Folge flog sie im Jahr 2001 nach Amerika und betrieb dort dann ein ganzes Jahr lang intensive Studien und Experimente mit neuen Materialien und Techniken, mittels derer sie ihrer Kreativität neuen Ausdruck verleihen konnte. Schließlich wandte sie sich auch noch dem Thema Collage zu, und so erscheint es nur folgerichtig, dass Frau Ruhl in ihrem Atelier, im schon erwähnten KunstWerk Fellbach, schließlich zu einer Formgebung fand, bei der sie heute überwiegend Acrylfarben und Pigmente in Verbindung mit Leinwand, Papier und Holz verwendet.

 

Damit Sie, meine Damen und Herren, die Sie, wie ich, vielleicht nicht alle vom Fach sind, sich nachher die hier gehängten Bilder von Frau Ruhl nicht in völliger Unsicherheit betrachten, möchte ich Ihnen doch noch ein paar Details an die Hand und ins Ohr geben.

 

Achten Sie beim Betrachten der zumeist abstrakten Bilder, die ohne Verwendung von Pinseln entstanden sind, achten Sie, nachdem Sie diese auf sich haben wirken lassen, doch mal auf die Schichtung der Farbflächen. Welche Tiefe die Bilder durch dieses Übereinander erhalten und auch welche Farbigkeit, selbst wenn der erste Eindruck Ihnen womöglich lediglich sagt: Schwarz. Doch so, gerade so ist doch auch das Leben: Vielschichtig und farbig. Auch wenn es bisweilen eintönig erscheint.

 

Und nehmen Sie mehr zusammen als nur ein Glas Wein und eine Brezel. Nehmen Sie Ihren ganzen Mut und gehen Sie, meine Damen und Herren, nachher einmal auf Forschungsreise. Und erinnern Sie sich an das, was ich gerade schon andeutete: An die Verwendung unterschiedlichster Materialien in den Bildern. Suchen Sie frech und fröhlich nach den Stellen, wo Sie Acryl finden können, aufgestäubte Pigmente, Kohle, Pastellkreide, Wachs oder auch Sand. Seien Sie nicht langweiliger, als Sie es von Ihren Kindern wünschten oder wünschen.

 

Und: Seien Sie mit Ihren Augen frech beim Betrachten. Schärfen Sie Ihren Blick, so dass vermeintliche Nebensächlichkeiten zu Hauptsachen werden. Entdecken Sie bei den Collagen die verwendeten Fundstücke, behaupten Sie, wie diese mit anderen Werkstoffen kombiniert wurden und bestimmen allein Sie, meine Damen und Herren, welche Wirkung dies auf Sie hat, welche Geschichte das Werk Ihnen, Ihnen ganz alleine erzählt. Sei es von Liebe, von Abenteuer, von Feiern oder gar von Tod. Der Spielraum für die eigenen Gedanken des Betrachters ist von Frau Ruhl ja gewollt. Träumen Sie sich hinein in eine herrliche, Ihnen eigene Bilderwelt, in Ihre persönliche  Schöpfungssymphonie. Lassen Sie sich darauf ein. Geben Sie sich hin.

 

Wenn Sie sich dann auf diese Weise wohlig ausgetobt haben, liebe Kunstfreunde, werden Sie, noch lange bevor Sie den Keller vom Kunstverein verlassen, ohne Zweifel erkannt haben, dass sich die Studien und Experimente von Frau Ruhl mehr als nur gelohnt haben. Dass Frau Ingrid Ruhl mit diesen Bildern Zeugnisse eines ganz individuellen und sehr persönlichen Stils in diese Ausstellung brachte, ein Stil, der sich zumeist vom Gegenständlichen losgelöst hat, abstrahiert und damit zugleich bei Ihnen, dem wollenden Betrachter, ein eigenes Universum an inneren Bildern zu erzeugen vermag. Wenn Sie nur wollen.


Lassen Sie es darauf ankommen. Stellen Sie sich, liebe Kunstfreunde, stellen Sie sich jetzt einmal vorm Bild # 11 auf, während Sie mir weiter zuhören. Betrachten Sie es schweigend und lassen Sie es wirken.


So wie Sie stand einst Modest Mussorgsky vor den Bildern seines Freundes Viktor Hartmann. Und dessen Bilder wirkten in ihm. Weil er es zuließ. Wirkten so sehr, dass er 1874 einen Klavierzyklus schuf: Bilder einer Ausstellung. Sie kennen dieses Werk vielleicht. - 1928 ging Wassily Kandinsky den umgekehrten Weg und schuf, ausgehend von der Musik Mussorgskys, einen Bilderzyklus: Bilder einer Ausstellung. Er konnte dies, weil auch er das Wirken zuließ. Und wenn Sie Kandinskys Bilderwelt kennen, erahnen Sie, dass hierbei etwas völlig anderes als bei Viktor Hartmann entstand.


Eine Wirkung hatte das Bild, das Sie gerade betrachten, natürlich auch in mir. Speichern Sie nun bitte, was Sie gerade empfunden haben, in ihrem Kurzzeitgedächtnis ab, damit nichts kollidiert, und vernehmen Sie abschließend, zu was mich dieses Wechselspiel von „Perlsamtschwarz, Champagnerweiß und etwas Farbe“ inspirierte. Und erst danach öffnen Sie wieder Ihr eigenes Empfinden.


>>> Das Gedicht findet sich in meinem Lyrik-Blog LYRIK AUS LEIDENSCHAFT und gträgt den Titel LICHTERBAUTEN <<<



Anmerkung: Zwei Wochen zuvor fand am selben Ort eine Vernissage des Fellbacher Künstlers FRITZ CARRALDO statt. Auch ich war dabei anwesend und seinen Erfolg mitgefeiert. Er nahm sich wenige Tage vor dieser Vernissage am 14.11.2014 mutmaßlich das Leben. Unter diesen jungen Eindrücken - ich erfuhr unmittelbar vor der Vernissage davon - bekamen beim Vortrag der Rede meine Worte "... dass sich in jedem schöpferischen Werk eine Künstlerseele, mehr noch, eine Menschenseele spiegelt, die zerbrechlich ist wie die eines jeden von uns ..." eine beim Schreiben des Textes ungeahnte Dimension. Nota bene!
Fritz, du verrückter Künstler, ruhe in Frieden!

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Kommentare: 3
  • #1

    Charlotte Rindler (Samstag, 15 November 2014 19:32)

    Ich denke, es ist dir mit dieser Rede gelungen, die Gäste auf eine Entdeckungsreise zu ihrer eigenen Phantasie zu ermuntern, statt sie mit Fachchinesisch und Standartfloskeln auf die Bilder loszulassen. Eine einfühlsame, kluge Einführung, die sowohl der Künstlerin als auch dem Publikum und nicht zuletzt dir selbst gerecht wurde. :-)

  • #2

    Stefanie Junker (Samstag, 15 November 2014)

    Wow - wahnsinnig gut geschrieben, Jürgen! Kompliment! Liebe Grüße in Deinen Abend

  • #3

    Stefanie Junker (Samstag, 15 November 2014 20:03)

    Um es nicht so oberflächlich stehen zu lassen:

    Ich habe immer gehasst, wenn man meine Bilder interpretieren wollte, oder ich eine Interpretation geben sollte...

    Ein Teil davon, was mich an Deinem Text so begeistert hat!