EIN SOMMERNACHTSTRAUM - AKT 5

Irgendwie nach William Shakespeare

Hippolyta, man mag es kaum glauben, diese Kriegerin, Jägerin, Männerabweisende, diese Frau ist unterdessen hin und weg von den skurrilen Schilderungen der vier jungen Athener. Ob es wohl an der Ehe liegt? Theseus, ihr Gatte, sieht das Ganze etwas nüchterner. Poeten und Verliebte bestünden nur aus Einbildung, kontert er. Doch Hippolyta lässt sich von ihrem Vergnügen am Wundervollen nicht abbringen und lädt die jungen Paare an ihren Tisch, damit sie gemeinsam das von Theseus geschnürte Kulturpaket genießen können.

 

Zuvor muss dieser aber eine Entscheidung fällen. Er winkt seinen Zeremonienmeister Philostrat heran. Und dieser wartet mit vier Stücken auf, auf die seine Vorauswahl fiel. Die ersten beiden sind olle Kamellen um Kentauren und Bacchanalen, die Theseus nur zu bekannt sind und ihn bereits bei ihrer Erwähnung langweilen. Das dritte, erklärt ihm Philostrat, sei eine scharfzüngige Abhandlung über den Niedergang des Schulsystems, die sich zur königlichen Hochzeitsfeier wohl kaum fügen würde. Aber wenn er, Ihro Majestät, dieses wünschen … Nein, eine solch bissige Satire wünsche Er nicht. Bleibt also das vierte Opus. »Die höchst kläg­liche Komödie und der höchst grausame Tod des Pyramus und der Thisbe«.

»Ein kurz langweiliger Akt, Majestät.«

»Kurz und von langer Weile? Kläglich und Komödie? Wie passt das denn zusammen?«
Und Philostrat erläutert ihm, was kurz darauf mit Theseus Erlaubnis zur Aufführung kommt:

 

Es beginnt mit einem Prolog, der die Zuschauer aber bereits nach dem ersten Satz: »Wenn wir missfallen tun, so ist’s mit gutem Willen.« zu abfälligen Bemerkungen veranlasst. Doch entschieden ist entschieden, also geht’s auch entschieden weiter.
Und weiter wird auch am Prolog geschraubt, der schon so viel erläutert, dass man das eigentliche Stück gar nicht mehr zur Aufführung bringen müsste, täte er es denn so, dass man auch nur ein Wort davon sich füglich zum andern zusammenreimen könnte.

Man kann darüber nun ein Rätselraten veranstalten, ob es einfach Langeweile oder ob es Unwissenheit in kulturellen Dingen oder ob es gar purer Snobismus der gehobenen Schicht ist, der das Publikum der wackeren Meisters zu andauernden und unqualifizierten Zwischenreden animierte. Noch lässt sich dies nicht mit Bestimmtheit sagen. Doch als Schnauz, der Kesselflicker, als Wand verkleidet auftritt und auch noch spricht - na gut, nuschelt - erregt dieser skurrile Einfall dann doch wenigstens allgemeine Heiterkeit. Zudem er dann auch noch annonciert, dass er die zweideutige Ritze in der Mauer, angedacht fürs Geflüster oder was auch immer der Liebenden, gleichfalls darzustellen gedenkt.
Dann wird es dramatisch. Der einzigartige Zettel tritt auf.
»O Nacht, so schwarz gefärbt.
Mit grimmer Miene Nacht.
O Nacht, die immer, wenn’s nicht Tag ist, währt.
O Nacht. O Nacht. Ach, ach, und aber acht.«
Und er bangt, ganz Heroe, dass seine Geliebte das Stelldichein vergessen haben könnte. Um Gewissheit zu erhalten, nähert er sich der Wand, die zwischen seinem und ihrem Grundstück steht und, sich die Seele aus dem Leib spielend, vor sich hin mörtelt. Verlangt dreist von ihr, ihre Spalte zu sehen. Ein Blick hindurch genügt ihm. Thisbe ist nicht da. Wütend malträtiert er mit Worten und Fäusten die arme Wand, die ja nun wirklich nichts dafür kann. Weil jetzt wieder ein unqualifizierter Zuschauerkommentar kommt, steigt der genervte Zettel aus der Rolle des Pyramus aus und redet - O je! Er kann jetzt nicht mehr zurück! - mit seinem König Tacheles.
»Herr, das war ein Stichwort. Für die Thisbe. Die wird gleich kommen. Ihr werdet sehen. Ist halt ein bisschen schüchtern. Frauen. Aber sie kommt. Versprochen. Sie kommt. Sie kommt.«
Und schon kommt sie. Thisbe, also Flaut, trippelt auf die Wand zu. Er macht in Frauenkleidern tatsächlich eine gute Figur. Hinzu die Schwarzhaarperücke … O là là.

Thisbe jammert ein wenig die Wand an, und schon ist die Reihe wieder an Zettel, pardon, Pyramus.
»Ich seh ein Stimm. Gleich will ich hin zum Loch. Mal schaun, ob ich nicht meiner Thisbe Antlitz hör.«
Sie sehen sich, versuchen sich zu küssen, was der Schnauz, also die Wand, aus dramaturgischen Gründen verhindert und verabreden sich auf dem Friedhof.
Das Zwischenspiel, bevor es zwischen den gedachten Gräbern weitergeht - Natürlich gedacht! Das war und ist ja das Schöne an Shakespeare. Wir denken uns unseren Teil. Bekommen nicht alles vorgedacht! - das Zwischenspiel also übernehmen Königs und Co selbst. Und reden, glaubste nicht, die Eingebildeten, just über die Einbildungskraft, die von Nöten, auf der Bühne und unten im Zuschauerraum. Hätte Pyramus dies gehört, er wäre wohl höchst … Doch schon tritt der Stentor-Schnock in seinem halben Löwenkostüm auf und prologisiert über Mäuse, Damen und seinesgleichen.
Die Kommentare aus den Rängen kann man getrost überspringen, die blasen ins eh immer gleiche Horn, vor allem Hippolyta, die sich langweilt, langweilt, langweilt und lieber noch ein bisschen mehr von den Liebespaaren und ihren Abenteuern erfahren würde.
Stattdessen springe wir lieber zur Romantik, die nun mit dem Mond, vom Schneider Schlucker gespielt, Einzug hält, und hoffentlich auf mehr Gefallen bei der Königin treffen wird. Der Mond trennt sich seine Rede aus dem bleichen Saum, dass es eine wahre Freude ist, allein, die hohen Herren nehmen ihn nicht ernst. Er bescheint zu Tränen rührend fahl den Löwen, dem Schnocks Magen das Knurren abnimmt, und die imaginierten Gräber. Als Thisbe dann erscheint, der Löwe aufbrüllt, Thisbe aufschreit, der Mond mit Kommentar wegrennt und Thisbe hinterher, juchzt gar die Königin erfreut auf. Der Löwe rüttelt und schüttelt noch ein wenig an Thisbes Umhang herum und speichelt ordentlich rote Farbe darauf. Dann verlässt auch er hoch erhobenen halben Hauptes die Szene. Artiger Zwischenapplaus.
Nun steuert alles auf den darstellerischen Höhepunkt zu. Pyramus muss ja auf den Friedhof kommen. Er muss. Er muss. Er muss. Und siehe da, er musste. Doch jetzt kommt er. (Eine kleine Diva ist er ja schon, der Zettel, dass er sich so viel Zeit damit ließ.)
Und was nun folgt, ist so herzergreifend, dass man es gar nicht schildern kann, so herzergreifend, dass sich jeder, anhand des Textes, den Pyramus spricht, selbst ein Bild davon imaginieren muss.
Was für zwei Monologe, die sich Herr Peter Squenz hier ausgedacht hat. Welch ausschweifende Beredsamkeit in ihrer eloquenten Kürze. Welch alle Zeiten übergreifende Dramatik. Welch unfassbare Kenntnis der menschlichen Tragödie liegt doch in ihnen. Fast wäre man versucht zu sagen, sie müssen zweifelsohne von Shakespeare stammen, wenn man es denn nicht besser wüsste.

 

1.        Doch halt, o Pein!
        Was soll dies sein?
            Was für ein Graus ist dies?
        Aug, siehst du noch?
        O schweres Joch!
            Mein Herz, mein Liebchen süß,
        Dein Mantel gut
        Befleckt mit Blut!
            Ihr Furien, kommt im Trab
        Herbei und rächt
        Und löscht und brecht
            Den Lebensfaden ab.

2.        Komm, Tränenschar!
        Aus, Schwert! durchfahr
            Die Brust dem Pyramo!
        Die Linke hier,
        Wo 's Herz hüpft mir;
            So sterb ich denn, so, so!
        Nun tot ich bin,
        Der Leib ist hin,
            Die Seel speist Himmelsbrot.
        O Zung, Tisch aus!
        Mond, lauf nach Haus!
            Nun tot, tot, tot, tot, tot!

 

Was nun noch folgt, liegt auf der Hand. Thisbe kehrt im Sternenlicht zurück, findet ihren selbstermeuchelten Möchtegerngatten im Totengarten und legt sich mit wundervollen, die Totenschwestern rührenden Worten ins gleiche Schwert wie zuvor ihr Pyramus. Und damit Schluss.

Einen Epilog verbittet sich Theseus. Sein Fazit lautet: Der, der das Stück geschrieben hat, hätte zugleich den Pyramus spielen und sich an Thisbes Strumpfband aufhängen sollen. Das wäre dann zumindest eine Tragödie geworden.
Harte Worte. Und höchst ungerecht. Und tatsächlich will doch der so lange schon Liebende, der so lange Verschmähte, der nun endliche Verehelichte, kurz: will der geile Bock doch einfach nur die Feier abkürzen und schnellstmöglich mit seiner Hippolyta ins Bett.

Die Meisters, die Armen, die Missachteten, die Nichtgewürdigten, sie ziehen betrübt von dannen. Nur Zettel ist davon überzeugt, dass sie alle genial waren. Er auf jeden Fall. Und wir ahnen: Dieses Selbstbewusstsein wird aus ihm noch einen großen Schauspieler machen. Oder wenigstens später seinen Sohn. Oder dessen Sohn. Oder eben dessen.

Oberon wird über alle seine schützende Hand halten während sich Titania bereits im Elfenbett räkelt.

 

Und Puck?


Manche Hunde streichelt er.
Manche Dame noch viel mehr.

Manchem Kerl haut Puck den Schädel,

dass der meint, er sei ein Mädel.

Allen aber, die ihr hier,

springt ins Hirn er. Dir und dir.

Pflanzt dort Samen für Geschichten,

die dann eure Träume dichten.

Löscht euch schlechte Illusion,

so dass ihr, mit eignem Ton,

selbst dann könnt imaginieren,

was euch jemals kann passieren.

Gebt euch Puck hin, Stück für Stück!
Dann bringt Puck euch nichts als Glück!

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Annette (Dienstag, 17 Juni 2014 16:20)

    Was für eine gelungene Zusammenfassung! :-D Ein Teil schöner als der andere. Und dabei ist es egal welcher den Anfang macht. ;-)

    Der wunderbaren Vorlage gerecht zu werden ist nicht einfach. Danke, Jürgen, das hast du gut gemacht.