EIN SOMMERNACHTSTRAUM - AKT 1

Irgendwie nach William Shakespeare

 

 

AKT 1

 

 

Wer von uns erinnert sich nicht gern an König Theseus, der in jungen Jahren den Minotaurus tötete und sich an Ariadnes Faden entlang hangelte? Der mit Herakles in die Schlacht gegen die Amazonen zog und als Siegertrophäe die Hippolyta nach Athen mitbrachte? König Theseus, griechischer Superheld aus Tagen, als Europa noch im Libanon mit Stieren spielte! König, Kämpfer, ganz Kerl. Auf dem fernen Schlachtfeld fanden die Frauen ihn extrem sexy. Doch wenn seine schildgroßen Hände sich ihren nackten, weichen, blassen Brüsten näherten, dann hatte sich das mit der Erotik schnell erledigt und sie fingen an zu bocken. Und Hippolyta verhielt sich hier um keinen Deut anders. Sie bockte und ließ den großen Helden nicht aus seinem Preispokal trinken. Sie sagte, er hätte keine Kultur.

 


Da beriet sich Theseus mit seinem Berater. Der sagte:
»Theater. Mach irgendwas mit Theater, The­seus, das wird ihr gefallen und dann hört sie auch auf zu bocken.«

 

»Wie jetzt, Theater?«

 

»Schreib einen Theaterwettbewerb aus! Stell Subventionen in Aussicht. Wirst sehen, alle Theatergruppen aus Stadt und Land werden dir ein Stück vorlegen. Das Beste wählst du aus und lässt es am Hoch­zeitsabend aufführen. Ein Gläschen überteuerten Prosecco dazu, und schon nennt sich das Ganze Kultur. - Und das mit den Subventionen - du liebe Güte, sieh’s einfach wie ein Wahlversprechen.«

 

Und so …

 

Ortswechsel. Haus des Egeus, Kampfgefährte des Theseus.
Auch Egeus hat gerade ein Problem mit einer Frau. Genauer: mit seiner hübschen Tochter Hermia. Die will er nämlich mit Demetrius verheiraten. Doch sie will lieber den Lysander.

 

»Aber wieso denn?« brüllt Egeus. »Demetrius ist stark und sieht gut aus. Und im Bett soll er eine Kanone sein. … Wurde mir berichtet.«

 

»Lysander«, erwidert Hermia, »ist auch stark, sieht auch gut aus und ist auch eine Kanone im Bett. … Wurde mir berichtet. … Und oben­drein liebt er mich.«

 

»Ha! Demetrius liebt dich auch. Ganz wahnsinnig liebt er dich sogar!«

 

»Eben«, sagt Hermia lapidar.
Demetrius ist nämlich ein etwas durchgeknallter Choleriker. Lysander hingegen ist, laut Hermia, ruhig und bescheiden. Andere würden sagen, er ist Phlegmatiker. Das Wichtigste aber: er macht Hermia ihre Führungsrolle nie streitig. Denn die vollblütige Hermia ist es gewohnt, dass ihre Wünsche erfüllt wer­den. Alle, immer und sofort. Und nun stößt sie zum ersten Mal auf Widerstand. Ausgerechnet bei ihrem Vater, der ihr ja beigebracht hat, dass sie stets bekommt, was sie will. Doch Egeus bleibt stur. Aber sie, ganz seine Tochter, auch.

 

 

 

Zurück zu Theseus. Gerade als er Hippolyta etwas von Kultur zuflüstert und ihre Augen zu glänzen beginnen, stürmt Egeus, Hermia im eisernen Griff seiner Kriegerpranken hinter sich herziehend, das königliche Schlachtfeld. »Theseus, du bist der König. Entscheide du! Was muss meine Tochter tun?«

 

Zum Verständnis: Es gab damals in Athen ein Gesetz, welches die Bürger er­mächtigte, ihre Töchter zur Heirat zu zwingen, mit wem immer sie wollten. Wenn die Tochter sich weigerte, durfte der Vater sie hinrich­ten lassen. Nun kann sich wohl jeder leicht vorstellen, dass dieses Gesetz eher selten zur Anwendung kam, da der Tod der eigenen Tochter ziemlich weit unten auf der Wunschliste der Väter stand. Und so:
»Theseus, du bist der König. Entscheide du! Was muss meine Tochter tun?«

 

»Nun«, sagt der zu Hermia, » da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du gehorchst, oder du gehorchst nicht. Wenn du gehorchst, dann brauchen wir nicht weiter zu debattieren. Wenn du aber nicht gehorchst, gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder dein Vater steckt dich ins Kloster, oder ich lasse dir den Kopf abschlagen. Überleg dir die Sache also nochmal! Ich gebe dir eine Frist. Bis zum Tag meiner Hochzeit darfst du nachdenken.«

 

 

 

Später. Hermia trifft sich mit Lysander. Der ist zwar verliebt in Hermia, aber nicht blöd. Er kennt die Gesetze Athens. Beim Schnäbeln kommt ihm langsam eine Idee. Hermia ist gleich Feuer und Flamme. Raus aus Athen, rein in den Wald, wo kein Theseus und kein athensches Gesetz mehr zupackt. Blöd ist, dass gerade Helena vorbei kommt und Hermia nicht ihren Mund halten kann, weil …

 

 

 

Doch zuerst ein paar Worte zu Helena. Sie ist Hermias beste Freundin. Logisch, dass man vor einander keine Geheimnisse hat. Oder: haben sollte. Die beiden passen sehr gut zu einander, wie das Plus zum Minus. Denn Helena ist in ihrem Wesen so ziemlich das Gegenteil von Hermia. Eine Melancholikerin, die, je melancholischer sie ist, das Unglück umso mehr anzieht und damit umso melancholischer wird. Und so weiter und so weiter. Mittlerweile trägt sie Unglück als zweiten Vornamen - und das abgelegte Glück der anderen auf. So auch den Glück verheißenden, kraftstrotzenden Demetrius, der, gar vor der Zeit, von Hermia abgelegt worden war. Also beschloss Helena ihn aufzutragen. Ihn, an Stelle Hermias, zu lieben. Dass Demetrius sie, Helena, nicht liebt, sie so gar nicht ausstehen kann, macht das Ganze perfekt.

 

 

 

Dass Helena also nicht ganz gerade in der Spur läuft, dürfte jedem mittlerweile klar sein. Dass sie aber Hermias und Lysanders Plan anschließend dem Demetrius verrät, ist schon sehr schräg. Der gefühlte Verlobte rastet aus.
»Was? In den Wald? Und das mitten in der Nacht? Ich werde die beiden stellen! Wo genau sagtest du wollen sie sich treffen?«

 

»Ich werde dich hinführen.«, sagt Helena, wissend, dass es ihr sehr weh tun wird.

 

 

 

Szenenwechsel. Eine Stube in einer Hütte.
Die gehört dem Zimmermann Peter Squenz. Bei ihm trifft sich, auf sein Geheiß, die Laienspielgruppe der Handwerkerinnung Athens. Peter Squenz hat von der Ausschreibung des Theseus erfahren. Er ist nicht nur begeisterter Kultur- und Theatergänger, sondern selbst auch Verfasser so einiger Sketsche, die bei den Versammlungen der Innung immer viel Beifall ernteten. Sein jüngstes Werk trägt den eloquenten Titel »Die höchst kläg­liche Komödie und der höchst grausame Tod des Pyramus und der Thisbe«. Und da ist alles drin: Liebe, Spannung, Tod, Schauder und Mitleid.
Die Rollen sind diesem Ensemble auf die Haut geschrieben. Und was ist das für ein Ensemble. Kesselflicker Tom Schnauz. Spielt sich wahrlich die Seele aus dem Leib. Doch leider nuschelt er. Schreiner Schnock. Er versteht es, die Worte zu modulieren, dass dem Publikum Welten aufgehen. Doch seine Stimme ist so über die Maßen laut, dass die meisten sich die Ohren zuhalten. Flaut, Blasebalgflicker. Nicht besonders wandlungsfähig, aber eine Riesentype. Vor allem in Frauenkleidern wirkt er enorm. Der Meister aller »Meisters« aber ist Nicklas Zettel, der Weber. Auf einer Bühne webt er aus Worten alles! Sei es Tragödie, sei es Komödie! Nicklas Zettel ist ein Genie.

 

Zettel bekommt die Rolle des Pyramus. Natürlich könnte er auch die Thisbe spie­len oder einen Löwen. Für ihn alles nur eine Frage von Kostüm, Maske und Bart. Und wahrscheinlich träumt er im Geheimen davon, eines Tages ganz alleine sämtliche Rollen in einem Stück zu spielen. Denn wenn es um Theater geht, ist er ein Vordenker, einer der gerne Experimente macht. Weil er es kann. Doch in diesem Fall bleibt es dabei: Zettel spielt den Pyramus. Flaut, natürlich, das Mädchen Thisbe. Und Schnock, der Mann mit der Stentorstimme, übernimmt den Löwen. Der Rest der Rollen wird aufs Beste aufgeteilt.

 

Und weil die Meisters nun mal so gut sind, wie sie sind, und andere Theatergruppen in der Stadt nicht, beschließt man jenen während der Probenzeit aus dem Weg zu gehen. Denn man mag es kaum glauben, doch wenn es um die vornehme und edle Kunst des Schauspiels geht, wird abgeguckt, abgehört, abgeschrieben, kurz: geklaut, dass man meinen möchte, es seien alles nur Betrüger und Taschenspieler. So verabredet man die Proben im Wald vor den Stadtmauern Athens abzuhalten.

 

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