ENTSETZEN! SCHAUSPIELER MÜSSEN IHR KÖNNEN UNTER BEWEIS STELLEN!

„Vier Stühle, ein Tisch mit Blumen und ein Stapel Kunstbände – das musste als Requisite (…) reichen. Vor der spartanischen Kulisse mussten die Schauspieler gnadenlos beweisen, was sie konnten.“

 

Wenn eine Theater-Rezension so beginnt … Ich lese die beiden Sätze wieder und wieder.

Was denn nun? Requisite = der Raum, in dem die Requisiten gelagert werden? Wird ja wohl nicht gemeint sein. Also - unter Verwendung des korrekten Plurals - Requisiten = Gegenstände, die auf der Bühne verwendet werden? Möglich. Wenn sie denn verwendet werden. Ansonsten gehören sie doch eher zur Kulisse = Bühnendekoration, die dazu dienen soll, die Szenerie des Stücks zu verdeutlichen, zu illustrieren, Auf- und Abgänge zu ermöglichen, Hinterbühnenbereich zu verdecken. Also was nun?

 

Mir scheint, hier wirft jemand mit Begriffen um sich, deren wahre Bedeutung er nicht kennt. („Er“ stimmt, den Text schrieb ein Mann.)

 

Dann dieses „musste (…) reichen“ und „spartanisch“. Was soll damit im Vorfeld der weiteren Worte zum Ausdruck gebracht werden? Dass das normalerweise nicht reicht? Dass Theater normalerweise mehr Requisiten und/oder Kulisse anbietet? Und nur, wenn es nicht „spartanisch“ (= aufs Nötigste beschränkt, anspruchslos) ist, ist es normalerweise auch richtiges, anspruchsvolles Theater? So dass hier - deswegen - etwas besonderes, außergewöhnliches stattfindet?

 

Mir scheint, der Schreiber hat nicht viel Ahnung von Theater im allgemeinen, von Theatergeschichte, von der wunderbaren Vielfalt, die Theater bietet, bieten kann. Nur mal so nebenbei, auch wenn es den Schreiber ja nicht erreicht: Es gab mal einen Herrn William Shakespeare, dessen Stücke auf der sogenannten Shakespeare-Bühne gespielt wurden. Und auf der befand sich … nichts. Ebenso auf der Badezellen-Bühne (oder auch: Terenz-Bühne). Lediglich eine hintere Wand (massiv oder aus Stoff) mit Türen.

 

Weshalb also „müssen“ Stühle und Tisch und Blumen und Bücher „reichen“? Wieso steht damit nicht schon ein kleines Universum zur Verfügung? Wenn Größere, als wir es sind, gezeigt haben, dass es auch mit weniger, mit nichts möglich ist Theater zu machen, das allerhöchste Qualität besitzt?

 

Mir scheint, hier offenbart sich bereits mit den ersten beiden Sätzen ein Theatergänger, dem nur das Illusionstheater ein Vergnügen bereitendes Etwas zu sein vermag, von Imaginationstheater hält er nicht viel, hat er vielleicht noch nicht mal was gehört oder gelesen. Zumindest hat er es nicht wirklich erfahren - und wenn, dann hat es ihn wohl gelangweilt. Wäre dem nicht so, müsste gerade die Tatsache, dass hier auf der Bühne so wenig vorhanden ist, welches die eigene Vorstellungskraft, die eigene Imagination vergewaltigt oder kastriert, ihm bereits vor Vorstellungsbeginn Jubellaute entrissen haben.

 

Aber nein, er fährt fort damit, dass die Schauspieler in diesem Umfeld wiederum etwas „müssen“. (Die Armen. Sie wollen es ja eigentlich gar nicht. Irgendetwas zwingt sie. Oder wie?) Und zwar „mussten“ sie „gnadenlos beweisen“, dass sie „was konnten“.

 

Ich bin entsetzt! Schauspieler müssen ihr Können unter Beweis stellen. Und das auch noch gnadenlos. Sie lassen dem Zuschauer keine Chance. Er wird mit Können konfrontiert, auch wenn er das nicht will. Da sind die Schauspieler eben gnadenlos. Was für ein Alptraum!

 

Und doch steckt in diesen beiden Zeilen, wahrscheinlich von ihm unbeabsichtigt und unerkannt, eine wundervolle Wahrheit. Nämlich die, dass man auch heute kein Theater machen muss, das sich an Ausstattung erbricht, dass man, auch ohne deswegen eine neue Avantgarde auszurufen, den Ausstattungsmüll entsorgen und somit enorme Kosten sparen kann. Dass dadurch bedingt die Verstecke auf der Bühne fehlen, hinter denen sich schauspielerisches Unvermögen verbergen kann, und der Schauspieler und sein Können - so vorhanden - wieder ins Zentrum des Geschehens rücken. (Sollten die Begriffe Schauspiel und Schauspieler womöglich etwas miteinander zu tun haben?)

 

Dass ich hierin die einzige Möglichkeit sehe, mit der Theater eine Zukunft haben wird, weg vom Popcorn-Illusionstheater, das vergeblich versucht, dem Kino und Fernsehen Paroli zu bieten, und hin zum Imaginationstheater, bei dem Menschen Imaginationen erzeugen und in Menschen Imaginationen freigesetzt werden, ein Theater, bei dem sich Menschen wieder begegnen und auf einer theatralen Ebene miteinander kommunizieren, das ist hier nicht von Interesse, da ich monologisiere und ich mich nicht mit ihm austausche.

 

Aber dass er und die Zuschauer einen wundervollen Theaterabend erlebt haben, das ist von Interesse. Denn sein Fazit offenbart, dass meine Überzeugung - die nicht neu ist und nicht allein dasteht - keine Spinnerei ist. Dass nur zu wenige nach diesem Weg suchen und zu wenige auf diesen Weg mitnehmen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Heinz Koch (Mittwoch, 21 Mai 2014 12:40)

    Die journalistischen Sitten verlottern allenthalben (und) immer mehr.
    Vielen Dank für dieses posting, welches ich gerne teile.
    Wenn so manche Rezensentin, so mancher Rezensent auch nur ahnte, welche lächerliches Zeugs sie / er da absondert, würde sie / er (vielleicht) das Schreiben lassen.
    Gern würd ich Adäquates beisteuren, aber lassen wir den lesenswerten Beitrag so für sich stehen, wie er da steht.
    Wer mehr will, schaut auf unsere hp und wird schnell sehen, weshalb mir dieser Beitrag so gut gefällt.