ZWEI KRÜGE - SO ETWAS WIE EINE THEATERBESPRECHUNG

Da standen wir also, zu viert, unter massenhaft Gleichgesinnten, im Foyer vom Staatstheater. Gedankenlos wunderten wir uns, dass noch kein Einlass war. Als wenn wir von Theater keine Ahnung hätten. Natürlich bedeutete dies, dass die Vorstellung außerhalb des eigentlichen, oder vielleicht wäre es besser zu sagen: des klassischen Theaterraums beginnen würde.

Was nach meiner bescheidenen 20-jährigen Erfahrung immer auch ein Wagnis ist, da ja schließlich Zuschauer da sind. Zuschauer, die nicht nur Lehrer, Bäcker, Finanzbeamte und Sonstiges sind, sondern eben auch Menschen. Und Menschen, in der Masse, neigen zur Trägheit. Außerdem haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass der IQ des Einzelnen in der Menschenmenge mit höchster Wahrscheinlichkeit sinkt. Kurz: Träge Dummheit, hundertfach quasselnd, lachend, hustend, stand an allen Ecken und Enden und Treppen des Foyers, und wartete darauf, dass man sie einlassen würde, um Platz nehmen zu können als schandmäuliger Kulturkonsument.

Denn wahrlich, ich sage euch, es ging um Kultur an diesem Abend. Heinrich von Kleist. Der zerbrochene Krug. Mit Edgar Selge, bekannt aus Film und Fernsehen, ein unweigerliches Zugpferd auch für Nichtfeingeistige der Generation Spaß, wie mir ein Herr mit strahlenden Augen (beinahe) unterm Urinstrahl auf der Toilette beteuerte. Mit Edgar Selge also als Dorfrichter Adam.

Auch unser Grund, an diesem Abend hier zu sein. Nicht wegen seiner Berühmtheit, nein. Gegen so etwas bin ich gänzlich immun. Sondern weil ich davon überzeugt bin, dass er zu den derzeitigen Top-Schauspielern in Deutschland gehört, zumindest was seine Arbeit vor der Kamera angeht - live auf der Bühne hatte ich ihn ja bislang nicht gesehen. Und weil wir, mein unsere Frauen und mich begleitender Freund Eddie und ich, vor noch nicht allzu langer Zeit Kleists Zerbrochenen Krug selbst erarbeitet und in eine äußerst erfolgreiche Spielzeit geführt hatten.

Eddie, der Dorfrichter, ich der Regisseur - und unsere besten Ehefrauen von allen - standen also. Wie geschrieben. Herum. Und quasselten, lachten, husteten, und ließen unseren IQ offensichtlich in die Masse diffundieren. Denn wie, ach, überrascht waren auch wir, als das Stück - plötzlich und unerwartet wie Weihnachten - im Foyer seinen Anfang nahm. Von irgendwoher schrie es. Der Gerichtsschreiber Licht war das, wie sich kurz darauf herausstellen sollte. Und er betrat, von oben kommend, eiligen Schritts, das Foyer, und suchte hektisch den Dorfrichter Adam. Von dem zumindest ein Teil der Anwesenden wusste, dass er, mit Blessuren übersät, noch dabei war, die vorangegangene Nacht wegzuschlafen. Wenn es jetzt nicht gleich langweilig werden sollte, musste also auch der Dorfrichter irgendwo im Foyer herumliegen. Doch wo?

Eingepfercht in die Schar kaum etwas sehender Leidensgenossen schossen unsere Blicke wirr durch die heiligen Hallen. Aufgrund unserer bereits verminderten Denkleistung gelang es uns nicht, den Bereich im oberen Foyer, der bislang nicht zum Betreten frei gegeben worden war, als den einzig möglichen Ort des kommenden Geschehens auszumachen. Doch, siehste nicht, schwang ein dünnes Splitternackt seine Beine über die Brüstung und offenbarte sich als Dorfrichter Adam, alias Edgar Selge. Und, siehste nicht zum Zweiten, stand er, sich seiner Hand als Feigenblatt bedienend - also wohl bereits nach einem Sündenfall - neben Licht im unteren Foyer auf dem Catering-Tresen. Und los ging’s.

Nein. Kleist und seinen Krug werde ich jetzt nicht nacherzählen. Das tat ich ja bereits in meiner eigenen Inszenierung. Aber von der musste ich mich in Windeseile gedanklich entfernen, damit mir keine unzulässigen Wertungen widerfahren würden. Doch diesbezüglich kann ich sagen, habe ich in den Jahren gelernt, und auch wenn mir solch ein Unterfangen vor 20 Jahren noch nicht gelingen wollte, und deshalb keine Inszenierung mit meiner selbigen - weil natürlich besseren - mithalten konnte, so ist dies schon seit vielen Jahren kein Problem mehr für mich, und ich sitze oder stehe unten oder oben, wohlwissend um den Sachverhalt des Wasserkochens, und lasse in der Tat unvoreingenommen alles auf mich und in mich ein.

So auch dieses Entree des Krugs. Und wurde sofort gefangen genommen von aufblitzenden Glanzleistungen des namhaften Kollegen, der stimmlich offensichtlich nicht auf der Höhe war. Wahrscheinlich haben Selge und seine Ehefrau Franziska Walser, die die Frau Marthe Rull geben würde, sich hier gegenseitig nichts Gutes vermacht, denn sie war den Zuschauern bereits als krank und mit Mikroport spielend annonciert worden. Dennoch: Glanzleistungen. Immer dann, wenn es bei ihm nach Innen ging. Er seine Nacktheit vergaß und sie uns vergessen ließ. Jedoch ohne größeres Aha stets dann, wenn, mutmaßlich, die Inszenierung zum Äußerlichen zwang und sich ein unpassendes Lächeln in sein Gesicht meißelte, ein verschämtes Überspielen.

Wer, wenn nicht ich, hätte dafür mehr Verständnis. Meine Rolle des Ritter Ripafratta in Goldonis Mirandolina schob sich mir vor Augen. Dem Zuschauer in jener Inszenierung für wenige Momente nur meinen nackten Hintern präsentieren müssend, entschied ich mich vor wenigen Jahren dennoch für eine Lösung mit hautfarbenem Stringtanga, der sich vom Zuschauer nicht wahrnehmen ließ. War mir meine Nacktheit doch bereits in den Augen meiner damaligen Kolleginnen unangenehm. Und hier stand nun ein Kollege, sich durch Gestik immer wieder gänzlich entblößend, im Abstand von 50 Zentimetern vor teils geifernden, teils sicher auch entsetzten Voyeuren.

Sicher lässt sich füglich darüber streiten, inwieweit dies tatsächlich notwendig ist für die Präsentation des Dorfrichters. Doch das will ich auch nicht tun. Darüber mag nachdenken, wer will. Tatsache bleibt, dass, immer wenn mir jenes Theater geboten wurde, das ich so liebe, Figuren, die von innen heraus leben und leuchten, eine Spielweise, die Selge so wunderbar beherrscht, mir seine Nacktheit völlig egal war (wie sichtbar auch ihm), und ich mit und durch ihn einen Höhenflug startete, doch immer, wenn es äußerlich wurde, mir seine Nacktheit zwar immer noch egal war, aber das Lächeln, das sich den ins Stück eingebundenen Zuschauern nicht verweigern konnte, mich wohltuend auf den Boden der Theatertatsachen zurückholte.

Wohltuend? Jawohl! Zeigte es mir doch, dass wir alle, die wir Theater machen, letztendlich Menschen sind, die aus sich selbst schöpfen. Und nicht aus einer Gottheit. Selbst wenn man dies bisweilen glauben möchte - oder weiß gemacht bekommt. Zwar haben manche mehr zu schöpfen, als andere, doch steht und fällt solch ein Theaterabend schließlich mit allen daran Beteiligten. Schauspieler, Regisseur, je nach dem Intendant, Kostümbildner, Bühnenbildner, Licht-Designer und so weiter. (Und selbstverständlich auch die weibliche Varianten.)

Dieser Abend bot, wie sich im Weiteren zeigen sollte, kein Schauspielertheater, über das man sagen würde: Wahnsinn!, aber auch kein Regietheater, das einen im Ganzen mit auf eine Reise in neue Denkwelten genommen hätte.

Die Anteile, die die einzelnen Beteiligten am Ganzen haben, lassen sich als Außenstehender nur schwer ausmachen. Aber ich wage, aufgrund dessen, was ich sah, zu behaupten, dass die Unentschiedenheit zwischen innerem Spiel und äußerlicher Darstellung dem Stück durch die Regie auferlegt wurde. Also doch mehr Regie-, als Schauspielertheater. Denn zu vermögend im beseelten Spiel erwiesen sich mir Edgar Selge und, als weiteres Beispiel, der gleichfalls wundervolle Jean-Pierre Cornu (als Gerichtsrat Walter), als dass sich äußerliche Darstellungen in diesem Krug auf ein Qualitätsgefälle bei den Schauspielern zurückführen ließen. Und doch bleibt es eine Vermutung. Und so steht auch am Ende ein unentschlossenes Fazit, was die Qualität oder: das Gefallen des Abends angeht, weil zu vieles gerade vom Gefallen oder Nichtgefallen in der Wahrnehmung gesteigert oder gemindert wurde.

Die Bilderwelt des Regisseurs - oder der Regisseure (es ist eine Adaption einer „alten“ Inszenierung) - gefiel mir gut, auch wenn ich durch nichts positiv überrascht wurde. (Negativ jedoch schon.) Die Lesart, nun, das ist schwierig, denn meine ist eine oft doch sehr andere, aber immerhin habe ich hier Aha-Momente gehabt: Dass ich da nicht drauf gekommen bin. Die Arbeit mit den Schauspielern - sofern sie denn nach meinem Verständnis überhaupt stattgefunden hat - bzw. die für mich langweilige Veräußerlichung der Figuren gefiel mir gar nicht.

Und so ist es auch sehr schwer, über die Darsteller wirklich zu urteilen. Außergewöhnlich gut bleiben für mich Edgar Selge und Jean-Pierre Cornu, und gut Matti Krause (Ruprecht). Die kleine Rolle des Veit (Boris Burgstaller) hat sich tadellos ins Konzept eingefügt, bietet aber eh keine Momente, die einen bei dieser Konzeption Staunen machen könnten. Und der Gerichtsschreiber Licht (Ronald Kukulies) hing, leider, leider, leider irgendwie halbgar zwischen den Stühlen.

Was aber die Frauenrollen angeht, muss ich sagen, dass ich restlos enttäuscht aus dem Abend ging. Keine einzige Figur schien mir hier ernst, keine Nöte der Rollen für wichtig genommen. Langweilig und plakativ kamen für mich, der das Stück in und auswendig kennt, Frau Marthe (Franziska Walser), Eve (Svenja Liesau) und Frau Brigitte (Katharina Knap) über die Rampe. Doch ich will daran glauben, dass alle drei bedeutend mehr vermögen, als nur Text aufzusagen. Hierfür eine Sechs an die Regie. (Oder doch an die Damen? Herrje …!)

Und sonst? Das, was auf jeden Fall von diesem Abend bleibt, außer dem wundervollen Live-Erlebnis der beiden Schauspielergrößen Selge und Cornu, ist die Überzeugung, dass ich mich mit meiner Inszenierung von Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“, auch wenn in ihr keine Profis (Menschen, die im Gegensatz zu Amateuren eine Tätigkeit beruflich ausüben!!!) spielen, in keinster Weise verstecken muss. Meine Bilderwelt hält stand, meine Lesart ebenso, meine Arbeit an und mit den Darstellern toppt das Gesehene um Längen. „Meine Frauen“ kommen allesamt besser, weil lebendiger und wahrhaftiger, ernstgenommen über den Bühnenrand, als die gesehenen Frauen; und „meine Männer“, auch wenn sie die Profis Selge und Cornu vom Spielvermögen selbstverständlich nicht erreichen, können doch immerhin aufgrund ihres Könnens und erfrischend ehrlichen Spiels, mit dem sie ihre Seelen auf den Tisch packen, für einen Theaterabend lang, gemeinsam mit ihren Darstellerkolleginnen, im Theater im Bahnhof den Größen am Staatstheater Paroli bieten.

Erneut lautet mein Fazit: Ich bin sehr, sehr stolz auf mein Krug-Ensemble und auf unsere gemeinsame Krug-Inszenierung.

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