DER VOGEL

Dies ist die Geschichte eines fröhlichbunten Vogels.

 

Er liebte seine Freiheit über alles. Die Freiheit, jederzeit, wohin auch immer, losfliegen zu können. Die Freiheit, alle Lieder singen zu dürfen, die ihm oder anderen fröhlichbunten Vögeln jemals eingefallen waren. Aber auch die Freiheit, jene Säugetiere zu lieben, die so komisch aussahen und nicht fliegen konnten und beim Singen so komische Laute von sich gaben und sich selbst Menschen nannten. Groß waren sie, aber auch irgendwie putzig, wenn sie tapsig umhergingen oder ungelenk auf Bäume stiegen. Zwar ging die Mär, dass einige Menschenexemplare dummböse seien – doch solche hatte er noch nie getroffen und war deshalb überzeugt davon, dass die allermeisten, wenn nicht alle von ihnen, ganz sicher ungefährlich seien. Und so flog der fröhlichbunte Vogel jeden Tag wenigstens ein Mal bei den Menschen vorbei, damit sie sich an seiner Fröhlichkeit, seiner Buntheit und seinem Gesang erfreuen konnten. Und das taten sie.

 

Eines Tages aber, er hatte beim Fliegen von einer äußerst attraktiven Vogeldame geträumt und war deswegen etwas unkonzentriert gewesen, landete er nicht in einem ihrer Vorgärten, sondern hoch oben auf einem Überblick. Flügelschlagartig schwand Fröhlichkeit aus seinem Herzen und viele Farben seines Gefieders wurden von Tränen verwaschen. Und sein Gesang verstummte. Was war geschehen?

 

Nun, eigentlich nichts. Alles war wie immer. Doch hoch oben vom Überblick sah der Vogel die Welt zum ersten Mal so, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Und er sah, dass Menschen verhungerten und verdursteten – und andere Menschen dies zuließen. Er sah, dass Menschen auf Befehl von Menschen von Menschen getötet wurden – und andere Menschen dies zuließen. Er sah, dass die Auslöschung von Menschen wegen ihrer Schätze von Menschen mit der Behauptung, dies sei zum Wohl der Menschen, geschah – und andere Menschen dies zuließen. Es gab sie also doch, die dummbösen Menschenexemplare.

 

Und der nicht mehr fröhlichbunte Vogel sah dies und vieles mehr und dachte sich, dass die anderen Menschen dies alles und Weiteres nur deshalb zuließen, weil sie es noch gar nicht wahrgenommen hatten, weil sie es nicht sehen konnten, da sie nicht, wie er, auf dem Überblick saßen. So beschloss er, es ihnen mitzuteilen.

 

Er verwandelte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten in einen noch halbwegs fröhlichen, halbwegs bunten Buchfink mit weinenroter Brust und begann alles, was er sah und hörte, akribisch zu notieren, um es den anderen Menschen zukommen zu lassen. Denn wenn sie auf diese Weise ihren eigenen Überblick bekämen, dessen war er sich sicher, würden sie bestimmt dafür sorgen, dass kein Mensch mehr verhungern oder verdursten müsse, kein Mensch mehr Menschen auf Befehl von Menschen töten würde, keine Menschen mehr wegen ihrer Schätze ausgelöscht würden. Und Wort für Wort pickte er in Blätter – und als er fertig war, ließ er die vielen Blätter als Buch binden und verbreiten.

 

Doch nur wenige der anderen Menschen kamen dazu, sein Buch zu kaufen und es zu lesen. Denn es gab Menschenexemplare, die, nachdem sie von diesem Buch erfahren hatten, dafür sorgten, dass das Original und die bereits nachgepickten Bücher alle eingesammelt und verbrannt wurden. Denn schließlich war dieses Buch das Buch eines Vogels, also ein unmenschliches, entartetes Buch, dessen Vernichtung daher notwendig sei und einzig zum Wohle der Menschen geschehe. Selbstverständlich wurde jeder weitere Nachpick verboten und jede Aneignung des Buches unter Strafe gestellt. Der Autor bekam Berufsverbot. Und viele der anderen Menschen wagten noch nicht mal mehr, sich an seiner Fröhlichkeit, seiner Buntheit, seinem Gesang aus alten Tagen zu erfreuen.

 

Der vor kurzem noch halbwegs fröhliche, halbwegs bunte Buchfink war über Nacht gänzlich unfröhlich und unbunt geworden. Seine besten Absichten – mit der Wahrheit, der ganzen Wahrheit und nichts als der Wahrheit – den anderen Menschen die Augen zu öffnen, waren von den dummbösen Menschenexemplaren zerschlagen worden. Doch er wollte dies nicht hinnehmen. Der anderen Menschen wegen, die sich an Fröhlichkeit, Buntheit und Gesang wieder erfreuen sollten. Die einen Überblick bekommen und erkennen sollten. Er überlegte, mich welch bitterer Medizin dies zu bewerkstelligen sein könnte und kam, so farblos, wie er jetzt war, zu dem Ergebnis, dass er es mit Spott versuchen sollte.

 

Und er verwandelte sich eine grauweiße Spottdrossel. Schnell dichtete er an die 50 Lieder, die er fortan Tag für Tag, bis in die Nächte hinein erschallen ließ. Laut, komplex, andere Vögel, Menschen, Umweltgeräusche nachahmend, erweiterte er sein Repertoire bald auf an die 200 Lieder, in denen er, furchtlos und aggressiv, Wahrheiten und seine Meinung über die dummbösen Menschenexemplare und ihre Machenschaften spottete. Und die anderen Menschen kamen heran und hörten ihm zu. Und wurden mehr und kamen näher. „Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten […]. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, […], als er uns […]“ den Überblick gab?

 

Doch blieb dies alles nicht unbemerkt von den dummbösen Menschenexemplaren. Und sie erließen Gesetze. Andere ließen sie ändern. Bis sie eine Handhabe hatten gegen Spott, gegen Satire, gegen Literatur, gegen Kunst, gegen Wahrheit und Meinungsfreiheit. Und es fand sich bald einer, den man dingen konnte. Bald ein Zweiter. Bald schon waren es viele. Und sie bildeten Truppen und zogen aus mit Netzen und Leimruten, um den noch frei Spottenden einzufangen.

 

Bald wurden sie seiner habhaft und sperrten ihn in einen Käfig. Allein. Und legten ein schweres Tuch darüber, damit er kein Tageslicht mehr zu sehen bekam. Denn nur bei Nacht stellte er sein Spotten ein. Die anderen Menschen, die davon erfuhren, kamen zum Käfig und protestierten gegen diese Gefangennahme. Die, die laut von Meinungsfreiheit sprachen, waren bald verschwunden. Keiner wusste wohin. Die, die dann noch da waren, gaben zu bedenken, dass solch ein wilder Vogel in Gefangenschaft eingehen würde, da er nichts mehr lieben würde als seine Freiheit, die, nach überall fliegen zu können, die, so frei singen zu dürfen, wie ihm der Schnabel gewachsen sei.

Der Vogel saß im Käfig. Ab und zu hob jemand das schwere Tuch. Und er sah die weite Welt, den Horizont, Berge und Täler. Und er hub an zu singen. Doch nach den ersten Tönen warf man das Tuch wieder über den Käfig. Und dieses zermürbende Spiel wiederholte und wiederholte sich. Woche für Woche. Es entstand im Käfig, unter demselben Himmel, in derselben Luft, eine andere Welt. Und diese war nicht seine. Der Erfinder des Käfigs muss ein schwarzes Herz gehabt haben.

 

Mit jedem Heben und Senken des Tuchs wurde ihm klarer, dass er all die Wahrheiten, um die er wusste und die noch immer in ihm tobten und hinaus wollten in die Welt jenseits der Gitterstäbe, auf ewig für sich behalten müsste. Weggesperrte Wahrheit. Dass er nie wieder frei fliegen, frei singen würde können. Weggesperrter Vogel. Dass, wenn er dies zuließe, er auch zuließe, dass seine Seele als Sklave der dummbösen Menschen enden würde.

Beim der nächsten Mahlzeit ließ er sich eine doppelte Portion Lorbeerkirschsamen bringen. Und noch einen Nachschlag. Und er zerkaute jeden einzelnen Samen, so gut dies mit einem Spottdrosselschnabel möglich ist, und lächelte. Als das Tuch wieder gehoben wurde, sah er nicht mehr durch die Gitterstäbe. Er war schon frei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Jürgen M. Brandtner – 27.04.2017

 

 

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