FRAGEZEICHEN oder:                                                                          EINE GURKENMASKE MACHT NOCH KEINEN SHAKESPEARE

Mir die Inszenierung einer Geschichte mittels eines Films anzuschauen hat zumindest beim ersten Mal einen entscheidenden Vorteil: Ich kenne die Geschichte und die Personen, die in ihr auftreten und handeln, (wahrscheinlich) noch nicht und kann mir deshalb auch kein Vorab-Bild machen; oder anders: Ich gehe „unbelastet“ in den Film.


Beim Anschauen einer Theaterinszenierung hingegen handelt es sich sehr oft um ein mir bekanntes Stück, dessen Inhalt und Figuren ich kenne, weil ich das Theaterstück schon gelesen oder schon gesehen habe. Oder, und hier wird’s dann richtig schwierig, das Stück selbst schon gespielt oder inszeniert habe. Und da ist es mit dem „unbelastet“ Anschauen dann nicht so einfach. So wie vor kurzem wieder geschehen. Mit Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“.


Zwar habe ich in den Jahren gelernt, maximal offen zu sein und Spiel und Ideen vorurteilsfrei in mich aufzunehmen, doch von einem Aspekt kann ich mich bei diesem „Problemstück“ nicht freimachen: Dass das Stück nur dann funktioniert und auch erträglich wird, wenn es zwischen Petruchio und Katharina beim ersten Zusammentreffen „funkt“. Eine vielleicht zunächst unbemerkte oder verleugnete oder weggeschobene Liebe auf den ersten Blick, die den beiden aber am Ende des Stücks die Oberhand gewährt gegenüber den reinen Vernunft- bzw. den reinen Liebesehen der anderen Ehepaare in der Schlussszene, weil sie die Vernunftaspekte (damals - auch heute? - das Geld, die Mitgift) und die Liebesaspekte (den Rosarotebrille-Aspekt) bis dahin für sich austariert haben und sich auf Augenhöhe begegnen. Nur dann wird Katharinas Schlussmonolog für mich als ein einziges Augenzwinkern zwischen ihr und Petruchio möglich und für uns heute erträglich, weil kein Kuschen und Kleinbeigeben einer gebrochenen, unterdrückten Frau, sondern ein einvernehmliches Wir-beide-sind-einen-Schritt-weiter. Weil dann nichts mit einer Gurkenmaske überdeckt werden muss, die Katharina nicht stärker, dafür Petruchio unglaubwürdig zu einem urplötzlichen Kasper werden lässt.


Zu dieser Überzeugung war ich bereits gelangt, bevor ich Klaus Maria Brandauer vor vielen Jahren in der 1971er Otto-Schenk-Inszenierung als Petruchio gesehen habe. Und ihn dann auf Konserve spielen zu sehen, mit Christine Obermayer als Katharina, gab mir Recht. Und daran glaube ich bis heute.


Vor kurzem sah ich also eine Inszenierung, nur mit Frauen in der Kernhandlung besetzt. Das ist okay. Shakespeare tat umgekehrt ja auch nichts anderes. Jegliches verwendete Klischee bei der Darstellung der Männerrollen geht damit zunächst einmal in Ordnung, auch wenn es in dieser Inszenierung Frauen gab, die das, meiner Meinung nach, besser umzusetzen verstanden, als andere im Ensemble. Doch auch das ist okay. So ist nun mal Theater. Eine Frau, die das aber wirklich prima konnte, war meine Freundin und Kollegin Barbara B. Wie auch die Frau, die den Diener Grumio des Petruchio spielte. Beide fand ich gleichermaßen und herausragend gut und glaubwürdig.


Desweiteren fand ich sehr viel schöne und gut umgesetzte Aspekte bei dieser Inszenierung. Die verwendete Shakespeare-Bühne, die ich sehr mag, dieses phantasievolle Nichts, das einem die ganze Pracht der Imagination überlässt. Dann die Farbwahl der Kostüme, die auch die Rollencharakterisierung unterstützte und nicht nur gewandete. Weiter ein effizientes Licht, das Effekte setzte, aber keine selbstverliebte Show veranstaltete.


Doch zurück zu „meinem Shakespeare“ und der gesehenen „Widerspenstigen“, zu Katharina und Petruchio und dem, was die Regie und die Schauspielerinnen aus ihnen gemacht haben.


Petruchio ist im Original ein Edelmann, also einer, der Geld hat. Und dieses möchte er weiter vermehren. Desweiteren lässt sein Benehmen, was die gesellschaftlich übliche Etiquette betrifft, zu wünschen übrig. Er gibt sich allzu gern als rauer Klotz, aufbrausend, dickköpfig und bestimmend. Aber Dummheit und Primitivität kann ich aus dieser Rolle beim besten Willen nicht herauslesen. Wenn, dann nur weil es die Projektionsfläche liefert, die ihm gegenüber tritt und die er gnadenlos, durch Spiegelung, demaskiert, um ihr so den Boden unter den Füßen wegzuziehen, sie zu entmächtigen, immer ihm zum Vorteil. So funktioniert sein teilweise unadliges Spiel mit seinem Diener, so funktioniert die Freundschaft mit Hortensio, so funktioniert der rein geschäftliche Handel mit Katharinas Vater Baptista: Ausgehend von sich selbst spiegelt er seine jeweiligen Spielpartner, stellt sich ganz auf sie ein und gewinnt sie auf diese Weise für sich. Und deswegen fürchtet er Katharina auch nicht.


Katharina gibt sich zumeist als rauer Klotz, aufbrausend, dickköpfig und bestimmend - ein Petruchio also in weiblichem Gewande, wie er reich durch Geburt. Wie er nicht primitiv. Wie er die anderen erkennend und entlarvend. Nur eben weiblicher, weicher, verletzlicher.


Und so stehen sich also eines Tages irgendwie Petruchio und Petruchio gegenüber, oder sind es Katharina und Katharina? Und wie im ganz normalen Leben - und typisch Shakespeare: weit der Zeit voraus in menschlichen Dingen, ohne psychoanalytisches oder sonstig neuzeitliches Wissen - erkennen die beiden im Andern sich sofort. Und wie im normalen Leben auch wird unbewusst sofort die Entscheidung gefällt, ob man die wiedererkannten eigenen Wesenszüge, und somit die ganze Person, annehmen und anerkennen wird, oder nicht. - Erträglich wird das Stück heute in seinem Ende eigentlich nur, finde ich, wenn die beiden erkennen. Und da sie beide ihren eigenen „negativen“ Wesenszügen nicht ablehnend gegenüber stehen, gibt es für sie auch kein Grund sie im jeweils anderen abzulehnen. Im Gegenteil: Ihnen gefällt, was sie erkennen. Und selbstverliebt verlieben sie sich.


Was hiervon war zu sehen an diesem Theaterabend? Für mich leider nichts. Petruchio verhielt sich zu allen gleich, vom ganzen Gebaren her primitiv. Nichts, was den Edelmann, der er nun mal auch ist, erahnen ließ, nichts, was den pfiffigen Geldvermehrer, der auf seine Geschäftspartner gewinnbringend einzugehen versteht, aufblitzen ließ, nichts, was Anhaltspunkt geboten hätte, weshalb der doch durchaus vornehme Hortensio mit ihm eine Freundschaft pflegen würde, nichts, was seinem Diener Grumio erlauben könnte, sich seinem Herrn gegenüber so „unziemlich“ zu benehmen, wie er es tut.


Und im Gegenpart eine Katharina, deren Kratzbürstigkeit so oberflächlich und ohne erkennbaren Hintergrund erschien, dass man sich fragte, wieso auf Gottes weiter Erde sich nicht schon längst ein „Katzenbändiger“ gegen Geld gefunden haben sollte, wenn sie es dem Vater und dem Dann-Gatten so leicht macht, sie loszuwerden und gezähmt zu werden.


Ergo: Wenn sich sowohl die Bühnenfigur Katharina als auch die Bühnenfigur Petruchio als extrem unangenehme Nullnummern vor mir auftun, dann kann ich dies als Schauspieler und Regisseur gar nicht glauben. Denn schließlich schrieb das Stück der größte Theaterautor aller Zeiten. Und vor mir tun sich einfach nur noch eine Unmenge Fragezeichen Fragezeichen Fragezeichen auf. Trotz der darstellerischen und inszenatorischen Qualitäten, die der Abend zu bieten hatte.

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