LIEBE IN DEN AUGEN

Seit fünfzehn Jahren etwa lese ich öffentlich. Das heißt: Ich lese vor.

Zu Beginn hatte ich, frisch von der Schauspielschule gekommen, noch das Gefühl, ich müsse frei rezitieren. Bald schon aber merkte ich, dass dies, für das, was ich vor hatte, nicht nötig war und mir nur unnötig Zeit in der Vorbereitung raubte - sowie während der Veranstaltungen zum immer bestehenden Bühnendruck führte, nur keinen Text vergessen zu dürfen. Also ließ ich es irgendwann sein.
Seitdem sind meine Lesungen also keine Rezitationen, sondern Vorlesungen. Klingt akademisch. Klingt aber nur so. Zu meiner letzten Lesung schrieb mir eine Zuhörerin: „Es ist eine hohe Kunst, Personen, die nur als schwarze Buchstaben auf Papier existieren, zum Leben zu erwecken und ihnen ein Gesicht zu geben. Gratulation!"
Was also mache ich bei meinen Lesungen? Was mache ich vielleicht anders? Nun, objektiv betrachtet kann ich wohl sagen: Ich lebe die ausgewählten Texte ganz einfach, seien es nun Gedichte, seien es Erzählungen, seien es ganze Romane, indem ich sie als Schauspieler gestalte, wie ich Schauspiel bei meinen Lehrern gelernt habe - und, dies am wichtigsten, Schauspiel heute für mich definiere. Oder anders: Ich liebe meine Texte und ihre Figuren. Ich gehe mit ihnen eine Beziehung ein, eine Liebesbeziehung. Denn auch hier, so bin ich überzeugt, ist die Liebe das Maß der Dinge.
Und so erzähle ich, bin Geschichtenerzähler. Die Ulmer Zeitung verglich mich einmal, worüber ich mich sehr freute, mit einem maurischen Märchenerzähler. Ich lache mit meinen Figuren, ich weine mit ihnen, ärgere mich, wüte mit ihnen, liebe, leide, hasse, esse, trinke und habe Sex mit ihnen. Ich entführe meine Texte und ihre Figuren in meine Realität - und damit die Zuhörer in eine Imagination.
Denn das wurde für mich im Laufe der Zeit zum Dreh und Angelpunkt: die Imagination. Ich bin der Illusion müde, der ständigen Perfektion, der tadellos vorgegaukelten Tadelloswelten. Selbst viele Spielfilme - und ich schaue durchaus gern Filme - langweilen mich heute, weil sie mir alles, alles, alles en détail vorgeben. Mich mit ihren Illusion erschlagen. Und mein Herz und meine Seele, die sich nach Selbständigkeit sehnen, die eigenständig imaginieren möchten, so wie sie dies in Kindertagen taten, als ich mein erstes Winnetou-Buch in Händen hielt. Viel zu viele Worte für mein damaliges Alter. Aber es genügten wenige davon, die Kernaussagen - und los ging es. Ab in die Imagination.
Ich bin der Überzeugung, dass sich auch die Theater deswegen leerspielen, weil sie zu sehr auf Illusion setzen und zu wenig der Imagination Raum geben. Es gab Vordenker, sie werden eigentlich als Theatergötter gehandelt, die dies bereits vor 50 Jahren erkannten. Doch niemand wagt sich daran, ihnen zu folgen, wirklich konsequent Imaginationstheater anzubieten. Auch ich nicht. Gebe ich zu. Aber in welcher Position befinde ich mich schon hierbei? In keiner.
Anders bei meinen Lesungen. Hier bin ich mein eigener Chef. Hier liegt alles in meinen Händen. Niemand kann mir etwas vorschreiben. Vielleicht ab und zu den gewünschten Text. Aber der ist letztendlich nicht das Entscheidende. Sondern die Liebesbeziehung, die ich dann mit ihm eingehe. Und die Aufbereitung seiner Druckerschwärze, dass sie zur Imagination taugt.
Und siehe da - die Zuhörer folgen. Mit Begeisterung. Da, wo man mich kennt, sind Lesungen mit 50 bis 100 Zuhörern keine Seltenheit. Und das ist richtig gut für einen „Noname“. Andernorts sind natürlich auch 15 bis 0 möglich. Doch sie wissen es ja noch nicht, was ihnen widerfahren würde. Nämlich das Herauskitzeln ihres Imaginationsvermögens, ihrer Sehnsucht, selbst fantasieren zu dürfen. In einer Welt, in der alles vorgedacht, vorgelebt und vorgeliebt wird.
So werden die Menschen, die zu meinen Lesungen kommen, zu ihren eigenen Kapitänen, reisen für 80 Minuten durch ihre, nicht durch meine Welt, steuern Mimiken, Gestiken ihrer Figuren durch eine Geschichte, die plötzlich ihre eigene wird. Und Herz und Seele atmen auf. Für einen kurzen Augenblick. - Und wenn sie mich dann hinterher anschauen, ist wenigstens in einem Augenpaar Liebe. Nicht für mich. Für sich! Und dafür lohnt alles.

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