EIN SOMMERNACHTSTRAUM - AKT 2

Irgendwie nach William Shakespeare

 

Immer dieser Wald vor den Stadtmauern Athens. Was ist denn das Besondere an ihm? Er ist groß und dunkel und voll mit Tieren, die man nicht sieht, und Geräuschen, von denen man nicht weiß, woher sie kommen. So wie manch anderer Wald eben auch. Und doch muss er wohl etwas Magisches besitzen, wenn es so viele der hier Handelnden zu ihm und in ihn zieht. Und soll ich euch etwas sagen? Dies trifft den Nagel exakt auf den Kopf.

Denn dieser Wald ist der Lieblingswald der Elfen. Und auch wenn sie es besser wissen könnten, so sind diese putzigen Wesen in einer sehr menschlichen Weise organisiert. Es gibt einen König, der Oberon heißt, und eine Königin, die auf den Namen Titania hört. Und damit sie nicht ständig in Streit übers Herrschen geraten, haben sie alles fein säuberlich unter sich aufgeteilt. Oberon herrscht über die Pflanzen und die Tiere, Titania über das Volk der Naturgeister und Lichtgestalten. Auf diese Weise besteht normalerweise ein wäldlicher Friede.

 

Doch in diesen Tagen hängt die Krone bei Königs ein wenig schief. Oder wie man heute auch gern dazu sagt: Es ist kompliziert. Irgendwie spielt dabei vordergründig ein Knabe aus Indien eine Rolle. Hintergründig aber sind die beiden ganz einfach eifersüchtig. Denn Oberon hat ein Auge auf die Amazone Hippolyta geworfen, und Titanias Herzschlag beschleunigt sich beim Gedanken an Theseus. Das ist natürlich Unfug, denn Elfen und Menschen gehen keine Beziehungen miteinander ein. Und doch streiten die beiden so sehr darüber, dass der ganze Waldsegen schief hängt und sich bereits die Jahreszeiten vertauschen. Der indische Knabe hier, Theseus da und Hippolyta dort. Schnauben und Wimmern. Wort um Wort. Ein Streit, der nicht enden will. Der aber enden muss, denn eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, geht unweigerlich unter. Oberon, der Mann, muss also etwas dagegen tun, weil er etwas dagegen tun muss. Und Titania, die Frau, wird als die Klügere schlussendlich nachgeben. So viel sei vorweggenommen.

 

Auftritt Puck. Was für ein Typ. Könnte glatt im Fernsehen auftreten. Die „Versteckte Kamera“ moderieren, oder so. Denn anderen, vornehmlich Menschen, einen Streich zu spielen, das ist sein Steckenpferd. Und entweder er ist ein fantastischer Illusionist oder ein hochbegabter Zauberer. Jedenfalls vermag er innerhalb kürzester Zeit hier und dort zugleich zu sein. So euch dies Buch vorliegt, blättert einmal um. Seht ihr? Er ist schon da.

Oberon jedenfalls hat einen Plan. Titania soll sich neu verlieben. Und sich dabei zur Trottelin machen. Hierfür soll Puck ihm eine Blume holen.

»Mein Puck«, sagt Oberon. »Bring mir die Blume !«

»Wie jetzt, Blume? Bin ich Gärtner?«, schmollt Puck.

»Die Zauber­blume!«, sagt Oberon. »Davon bring mir ein Sträußchen!«

»Ah!!!« Und mit schelmischem Lachen ist Puck … schon weg.

 

Was hat es mit dieser Blume denn auf sich? Oberon erinnert sich für uns.
Amor war mal wieder in eine Jungfrau verliebt. Er konnte nicht essen und nicht schlafen. Nur an dieses Zauberwesen denken. Und dass er seinen Pfeil auf sie abschießen wollte. Bei nächster Gelegenheit öffnete er also seinen Köcher, holte den Pfeil hervor, legte an, spannte, als gälte es ein steinern Herz zu durchbohren, und … und  … und … Ach. Er zitterte so sehr, dass er nicht traf. Stattdessen rauschte sein Pfeil direkt in eine kleine Blume, die wir Stiefmütterchen nennen. Konsequenz: Das Stiefmütterchen wurde zur Zauberblume. Wenn man sie nun knüllt und quetscht, gibt sie einen Saft frei, der, einem schlafenden Wesen aufs Augenlid getropft, dieses Wesen in heißer Liebe entbrennen lässt für das erste andere Wesen, das es beim Augenaufschlag sieht. Ganz gleich ob Mensch, ob Tier. Wen wundert’s, dass Puck daran Gefallen findet. Der Puck, der gerade dort und jeden Moment schon wieder hier …

 

Doch halt. Erst mal Szenenwechsel.

Oberons Erinnerungen werden durch das Krakeelen von Demetrius, dem Helena hinterher flennt, gestört. Was für ein Lärm. Was für ein Zorn. Was für eine Depression.

»Was für einen Mist hast du mir denn erzählt?«, schnaubt Demetrius. »Wo ist er denn, der Lysander? Wo ist sie denn, die Hermia? Ich seh die beiden nicht. Kannst du sie sehn? Hä?«

»Man sagt nicht Hä. Und nein, ich seh sie auch nicht. Aber ich schwöre dir …«, wimmert Helena.
Die Wiedergabe des von Demetrius nun benutzten Wortes, das heute sehr gebräuchlich ist, aber zu Shakespeares Zeiten wohl Entsetzensstürme hervorgerufen hätte, die Wiedergabe dieses Wortes verkneife ich mir. Es fängt mit F an. Es dürfte dennoch jedem klar sein, was Demetrius gerade fühlt. Und eben deshalb legt er in seinem Zorn noch einen Gang zu. Und stapft davon.
Was für ein Geschenk für Helena. Sie blüht förmlich auf unter den Demütigungen, die sie hier erleiden darf.

»Hast du schon mal einen Menschen so sehr gedemütigt wie mich?«, wimmert Helena, ihm hinterher dackelnd.

»Noch nie!«, schnaubt Demetrius.
Helena seufzt wohlig. »Er bevorzugt mich!«, denkt sie.

 

Das alles drang an Oberons Ohren. Er hört ausgezeichnet. Bei guter Fernsicht sogar, wie die Erde sich zur Kugel krümmt. Aber hier war das nicht nötig. Nur ein mannshoher Dornbusch trennte ihn von den beiden. Und was er hörte, störte. Ihn und die, naja, Harmonie. - Da kommt Puck zurück.

»Puck, nimm eine von den Blumen und geh ihnen nach. Du wirst sie leicht erkennen, denn sie tragen Kleider, wie sie bei den jungen Leuten in Athen gerade modern sind. Sie werden dir also nicht gefallen. Warte  bis sie sich schlafen legen. Und sie werden sich bald schlafen legen. Zorn macht müde. Und dann träufle dem wütenden Mann den Zaubersaft auf die Augenlider«.

»Okay!«, antwortet Puck und ist schon wieder weg.

Oberon macht sich mit dem restlichen Gebinde auf den Weg zu Titania. Während er durch Wald und Nacht wandelt, lässt die sich von ihrem Gefolge in den Schlaf singen. Mit einem Lied, in dem Schlangen, Molche, Käfer und Spinnen drin vorkommen. Nun ja, Geschmäcker sind verschieden. Als Oberon ankommt, findet er Titania in ihrem Feenbett. Schlafend. Er betrachtet sie. Bei Amor! Ist sie schön! Ihr ebenmäßiges Gesicht, ihre festen Brüste, die entzückende kleine Wölbung ihres Bauches, ihr im Mondlicht glänzendes schwarzes Kräuselhaar vorm Eingang ins Feenparadies, ihre elfenbeinen schimmernden Schenkel und deren Schwestern, die feingliedrigen Arme. Würde er Titania nicht bereits lieben, es wäre um ihn geschehen. Sanft berührt er ihre Augenlider und träufelt vom Saft des Stiefmütterchens darauf. Was wird sie hier wohl als erstes sehen? Einen Wurm? Einen Käfer? Oh, Liebe, brenne!

 

Szenenwechsel.
Immer noch der athensche Wald. Klar. Bei Nacht aus einem dunklen Wald herauszufinden ist nicht so einfach. Und deshalb für die Dramaturgie einer Geschichte ziemlich gut geeignet.

Hermia und Lysander haben sich ganz schön verirrt.

»Lysander«, sagt Hermia.

»Hmm?«

»Komm, wir legen uns hier hin und schlafen, bis es hell wird!«

»Hmm.«

Sie legen sich hin, Lysander schmiegt sich an. Sehr männlich.

»Hey! Aber doch nicht hier! Sieh, ein Dornbusch. Du legst dich auf die eine Seite, ich lege mich auf die andere Seite. Was hältst du davon ?«

»Hmm.«

Dann schlafen sie ein.

Auftritt Puck. Er findet die beiden schlafend. In athenschen Kleidern, die ihm nicht gefallen. Das müssen sie sein. Sonst traf er ja auf keine jungen Leute. Also flugs den Saft aufs Auge von dem Kerl und zurück zu Oberon.

 

Die leichteste Art sich zu verirren, ist, wenn man immer im Kreis läuft. Das taten auch Demetrius und Helena. Und also kommen sie an ebendiesen finstern Ort im Wald zurück. Jetzt.

Demetrius ist mittlerweile noch wütender. Die Müdigkeit, die Zorn laut Oberon hervorrufen soll, hat sich aber nicht über ihn, sondern über Helena gestülpt. Sie will keinen Schritt mehr gehen.

»Hervorragend! Bleib stehen und halt die Klappe!«

»Aber … es ist stockfinster hier!«

»Das ist der Vorzug der mondlosen Nacht: tiefste Dunkelheit. So bleibt mir dein Anblick erspart.«

»Und wenn mich die wilden Tiere fressen?«

»Keine Sorge, die haben Geschmack!«

Und er rennt ihr davon. Sein Schreien wird leiser, seine Schritte verklingen. Helena bleibt mit ihrer Angst im Schwarz zurück. Was für ein Unglück. Sie sinkt erschöpft zu Boden. Kann sie sich hierher legen? Und wenn es hier Schlangen gibt? Sie kramt in ihrer Kleidung nach Streichhölzern. Findet welche und entzündet eines.

»Aaahhh!!!«
Direkt neben ihr liegt Lysander, der von ihrem Schrei erwacht.

»Aaahhh!!!«
Helena lässt das Streichholz fallen, doch im selben Moment tritt, wie durch Zauberhand, der Mond hinter den Wolken hervor. Lysander sieht. Und die Tropfen wirken.

»Helena! Schönste der Schönen! Du Traumfrau! «
»Spinnst du jetzt?«
»Ich liebe dich!«
»Seit wann das denn?«
»Schon immer!«
Da bricht Helena in Tränen aus. Sie fühlt sich verspottet. Und das tut richtig weh. Sie rennt ins Dunkel der Nacht. - Lysander rennt ihr, natürlich, hinterher.

Zurück bleibt Hermia.

Sie erwacht.

»Kannst du mal das Licht ausmachen, Lysander? - Lysander? - LYSANDER!«
Doch Lysander ist nicht mehr da. Egeus Püppchen ist mutterseelenallein. Sie steht auf. Der Mond verschwindet gerade wieder hinter den Wolken. Scheiß drauf! Sie stolpert ins tiefe Schwarz.

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Kommentare: 1
  • #1

    Annette (Freitag, 13 Juni 2014 18:46)

    Als ich in meiner Jugend das Stück kennenlernte hatte ich nur Augen für den hübschen Lysander und war betrübt, dass -trotz aller Irrungen und Wirrungen- sein Herz nur Hermia gehörte. ;-) Nachdem die Schwärmerei mir nicht mehr die Augen trübte, lernte ich auch alle anderen Charaktere und Handlungen des Stückes zu schätzen und zu lieben. Am liebsten habe ich die Rolle des Zettel! Und eines ist geblieben: Der Sommernachtstraum ist auch heute noch mein liebstes Shakespeare-Stück und ich freue mich sehr über deine erfrischende Zusammenfassung. :-D Viele Dank dafür!