SEHNEN - Ein Theatertext

Für eine weitere Rolle in Urs Widmers "Top Dogs" bat ich eine junge, angehende Theaterpädagogin, die diesen Part an der Seite von 8 Schauspielschüler/innen in meiner Inszenierung an der Jungen Akademie Stuttgart übernehmen sollte, um einen eigenen Text für die Rubrik "Träume" des Theaterstücks.
Ihre Idee habe ich selbstverständlich in wesentllichen Teilen aufgegriffen, ein wenig zu viel Hollywood aus ihrem Text entfernt, ein paar Dinge aus dramaturgischen Gründen geändert und ihre Sprache der des Stücks angepasst. Dies ist also das Ergebnis für einen weiteren TopDogTraum:

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Einfach wegfahren. Nicht weit. Toskana. Das genügt. Süden eben. Und Sünden. Il sud ed il peccato. Ah!

 

Eine kleine Tasche packen. Nur das Nötigste. Zahnbürste. Sexy Unterwäsche. Sie verstehen? Und dann alles kündigen. Schriftlich natürlich. Und alles hinter mir lassen. Einfach so. Bumm. Rein ins Auto und los. Ein letztes Mal am gläsernen Bürohochhauscontainer vorbei. La strada nel sud.  

 

Kurz, nur kurz, gegenüber diesem Stahl- Monster-Gebäude, das Jahre meines Lebens voller Gier verschlungen hat, anhalten und mit genussvollem Hass in meinen Augen seine gläserne Haut liebkosen. Langsam. Von unten, von seinen Füßen, bis ganz nach oben, zu seinem hohlen Kopf, in dem mein noch hohlerer Ex-Chef sowie meine mega-hohlen Ex-Kollegen wie Hamster ihre sinnlosen Runden drehen. Immer schneller und schneller. Bis sie alle einfach explodieren. Bumm. Bumm. Bumm.

 

Endlich kommt der Fahrrad-Kurier. Ich stelle mich ihm vorm Eingang in den Weg. Ob er einen Brief für mich in die Chefetage bringen könne. Mein Knöchel sei verstaucht und Aufzug würde ich nie fahren. Klaustrophobie. Dabei schaue ich ihm rehbraun tief in seine blauen Augen und hauche ihm zart „Sono un tesoro!“ entgegen. Sie verstehen? Natürlich sagt er nicht nein. Kein Mann widersteht dem Charme einer hilflosen Frau.

 

Gegenüber warte ich in einer Telefonzelle, bis der Kurier wieder rauskommt. Dann rufe ich unterm Flachdach an. Die noch flachere Sekretärin meines Ex-Chefs, die sich täglich in der Mittagspause von ihm „durchstellen“ lässt - Sie verstehen? - geht dran. Jetzt lasse ich mich mal durchstellen zu „Herrn“ Krüger. „Krüger, guten Tag, wer spricht?“ – Ich atme einmal tief durch. „Marie Schmid. Erinnern Sie sich an mich, sie sexistisches Arschloch? Ich habe eine Nachricht für Sie. Ihre Frau. Eva. Sie verlässt sie. Für mich. Für die Frau, die sie gefeuert haben. Glauben Sie nicht? Beweise? Öffnen Sie einfach den Brief, den Ihnen der Kurier gerade gebracht hat. Damit feuere ich jetzt Sie.“

 

Während ich zu ABBAs „The winner takes it all“ davon fahre, sehe ich im Rückspiegel, wie sich die Hamsteretage, der geistige Hohlraum, eine Welt voller Arschlöcher, mit einem großen Feuerball vom Leben verabschiedet. Nur diese eine Etage, nur diese eine Explosion. Bumm.

 

Das übliche Szenario aus Sirenen, Feuerwehr, Krankenwagen und Polizei bekomme ich schon nicht mehr mit. Ich hole Eva ab. Frau Ex-Krüger. Mit einer kleinen Reisetasche – Nur das Nötigste. Zahnbürste. Sexy Unterwäsche. Sie verstehen? – steigt sie zu mir ins Auto. Rehbraun schauen wir uns in die Augen. Sie sieht. Und lächelt. Ich lächle zurück. Dann fahren wir los. In die Toskana. Il sud ed il peccato. Ah!

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