MONSIEUR DE LA POMMERAIS

– Unter freier Verwendung einer Erzählung von Villiers de l'Isle Adam, wie sie im

„Projekt Gutenberg - DE“ hinterlegt ist unter http://gutenberg.spiegel.de/buch/2847/1 –

 

 

Armand Velpeau, der berühmte Chirurg, erschien gegen sechs Uhr Abend vor der Zelle seines Berufskollegen, des Monsieur de la Pommerais. Der Schlüssel knirschte rostig und die Türe öffnete sich im Halbdunkel. Velpeau trat ein und schwer fiel die Tür wieder ins Schloss. Der Arzt rückte einen Stuhl zur Pritsche des La Pommerais und setzte sich an dessen Kopfende. La Pommerais blinzelte nicht und gab auch sonst keinerlei Anzeichen, dass er den Besucher willkommen heißen möchte.

 

Velpeau hatte bereits das sechzigste Lebensjahr erreicht. Er stand auf der Höhe seines Ruhmes. Seine Arbeiten zeichneten sich durch ihre überzeugende Klarheit und ihre lebendige Darstellung aus und hatten ihn zu einer Leuchte der pathologischen Wissenschaft gemacht. Und auch als Praktiker galt er für eine der hervorragendsten Autoritäten des Jahrhunderts.

Nach einem Momente frostigen Schweigens begann er: »Monsieur, unter uns Ärzten muss man überflüssiges Beileid vermeiden. Außerdem bin ich an einem unheilbaren Drüsenleiden erkrankt, das unfehlbar in zwei, höchstens zweieinhalb Jahren meinen Tod herbeiführen muss. Wenn also die verhängnisvolle Stunde für mich auch etwas später erscheint, wie für Sie, so rechne ich mich nichtsdestoweniger zu den zum Tode Verurteilten. Ich möchte daher ohne weitere Umschweife von dem reden, was mich hierherführt. – Sie wissen, dass es eine der interessantesten Aufgaben der modernen Physiologie ist, festzustellen, ob, nachdem der Kopf von dem Körper getrennt ist, noch eine Spur von Gedächtnis, von Empfinden oder Gefühl in dem Hirn eines Menschen existiert. Haben Sie von dem chirurgischen Standpunkte aus eine ganz genaue Vorstellung von der Guillotine und ihren Wirkungen?«

Velpeau warf einen langen, forschenden Blick auf La Pommerais. Doch der blieb weiterhin stumm und unbeweglich.

»Ich habe heute noch diese Maschine auf das gewissenhafteste und genaueste untersucht«, fuhr Velpeau fort, »und ich muss zugeben, dass sie ein vollkommenes Instrument ist. Das herabfallende Beilmesser wirkt gleichzeitig als Sichel und als Hammer und zerschneidet den Hals des Delinquenten in einer Drittelsekunde. Der Enthauptete kann unter dem blitzartig niedersausenden gewaltigen Schlage ebenso wenig einen Schmerz empfinden, wie der Soldat im Felde, dessen Arm plötzlich von einer Kugel weggerissen wird. Der Mangel an Zeit macht jedes Empfinden null und nichtig. Ich habe die feste Überzeugung und ich stütze mich auf mehr als hundert Fälle und meine ganz besonderen Beobachtungen, dass in demselben Augenblicke, wo der Kopf vom Rumpf getrennt wird, sofort jedes Schmerzgefühl vollständig verlischt. Das plötzliche Stocken des Herzschlages, das auf der Stelle durch den jähen Verlust von vier bis fünf Litern Blut eintritt, das oft ein Meter weit im Umkreis herumspritzt, dürfte auch die Ängstlichen nach dieser Richtung hin beruhigen. Was die unbewussten Zuckungen des Körpers betrifft, dessen Lebensprozess so jäh unterbrochen wurde, so sind die kein Zeichen vorhandenen Schmerzgefühls, so wenig, wie es das Zucken eines abgeschnittenen Beines ist, dessen Nerven und Muskeln sich zusammenziehen, wobei man aber nicht leidet. Ich behaupte, dass das nervöse Fieber der Ungewissheit, die Feierlichkeit der fatalen Vorbereitungen, das jähe Erweckt werden aus dem Morgenschlummer, das einzig Schreckliche und Quälende dieser Zeremonie sind. Von der Exekution selbst empfindet man nichts, der vermeintliche Schmerz dabei ist ein eingebildeter! Was? Wenn schon ein heftiger Schlag gegen den Kopf nicht nur nicht empfunden wird, sondern sogar keine Erinnerung hinterlässt, wenn eine einfache Verletzung der Wirbelsäule vorübergehende Gefühllosigkeit erzeugt, dann sollte das Abschlagen des Kopfes, das Durchschneiden des Rückgrates, die Unterbrechung der organischen Verbindung zwischen Herz und Gehirn nicht hinreichen, in einem menschlichen Wesen jedes Empfinden, auch das leiseste Schmerzgefühl zu zerstören? Es ist unmöglich, dass es anders sein sollte! Sie wissen das so gut wie ich.«

La Pommerais lag weiterhin schweigend da, nicht zustimmend, aber auch nicht verneinend, einfach nur starr nach oben blickend, als erblickte er dort sein unvermeidliches Schicksal.

»Ich kenne Ihre Abhandlungen zu diesem Thema«, sagte Velpeau nach kurzem Schweigen. »Ihre Meinung ist, dass die Organe des Gedächtnisses und des Willens, falls sie sich in denselben Gehirnflügeln befinden, wie wir dies z. B. bei dem Hunde konstatiert haben, von dem durchschneidenden Messer nicht berührt werden. Und sie benennen eine ganze Reihe höchst beunruhigender Fälle, die dies bestätigen und die es Ihnen unmöglich erscheinen lassen, dass ein Enthaupteter sofort nach der Hinrichtung das Bewusstsein vollständig verlieren könnte. Die Legende erzählt gar, dass der vom Rumpfe abgetrennte Kopf, wenn er gleich nach der Exekution angeredet wird, den Fragenden anschaut. Die einzige Frage wäre also doch nur, ob nach dem Aufhören der Hämatose (Blutbereitung) das, was ich das Ich des Menschen nennen will, noch auf die Muskeln des ausgebluteten Kopfes wirken könne? Wo aber ist der Sitz des menschlichen Geistes? Wer vermag dies zu enthüllen? Nicht lange, und Sie werden es erfahren – und wieder vergessen haben.«

»Es hängt also vielleicht von Ihnen ab, dass die Menschheit ein- und für allemal über diesen Punkt aufgeklärt wird«, sprach Velpeau langsam und sein Auge fest auf den zum Tode Verurteilten richtend. »Um gerade heraus zu reden, ist das der Grund, weshalb ich hierhergekommen bin. Ich bin hier als Abgesandter unserer bedeutendsten Kollegen der Fakultät von Paris. Sie sehen hier ein vom Kaiser gezeichnetes Schreiben, das mir freien Zutritt zu Ihnen verschafft hat.«

La Pommerais schien ihn im langsam dunkler werdenden Dämmerlicht eindringlich fragend anzuschauen.

»Nun denn, Monsieur de la Pommerais, im Namen der Wissenschaft, die uns beiden so unendlich teuer ist und deren Märtyrer nicht zu zählen sind, spreche ich hier zu Ihnen. Es würde eine unschätzbare Bereicherung des menschlichen Wissens bedeuten, wenn ein Mann wie Sie in den Versuch einwilligen wollte, uns nach der Exekution eine Mitteilung zukommen zu lassen, obwohl, selbst wenn Sie den besten Willen dazu hätten, diese Probe abzulegen, es beinahe gewiss ist, dass das Resultat ein negatives sein würde. Aber – vorausgesetzt, dass ein solcher Versuch Ihnen nicht schon im Prinzip lächerlich erscheint – wäre damit immerhin eine Chance gegeben, die moderne Physiologie in wunderbarer Weise aufzuklären. Solche Gelegenheit müsste ergriffen werden und in dem Falle, dass es möglich wäre, dass Sie nach Ihrer Hinrichtung noch ein Zeichen der Intelligenz mit uns wechselten, würden Sie sich einen Namen machen, vor dessen wissenschaftlichem Ruhme die Erinnerung an Ihren sozialen Fehltritt völlig verlöschen würde. Es versteht sich von selbst, dass, sobald die traurige Zeremonie vollzogen ist, Ihre Überreste friedlich in der Erde ruhen werden und dass keines unserer Skalpelle sie berühren würde. Nein, aber sobald das Messer herabgefallen, werde ich Ihnen gegenüber an der Maschine stehen. Der Henker wird so schnell wie möglich Ihren Kopf meinen Händen übergeben. Dann aber – das Experiment ist eben seiner Einfachheit wegen von so großer Bedeutung – werde ich Ihnen in das Ohr rufen: Herr de la Pommerais, eingedenk der zu Ihren Lebzeiten zwischen uns getroffenen Verabredung, können Sie in diesem Augenblick dreimal das Lid Ihres rechten Auges aufheben und wieder senken, während Sie das andere Auge weit geöffnet haben? Wenn in jenem Momente, abgesehen von etwaigen anderen Zuckungen Ihres Gesichtes, Sie uns durch dieses dreimalige Augenzwinkern beweisen könnten, dass Sie mich gehört und verstanden, dass kraft Ihrer Energie und Ihres Gedächtnisses Sie Herr der das Augenlid in Bewegung setzenden Muskeln, des Nervs des Jochbeins und der Bindehaut sind, so würden Sie hierdurch der Wissenschaft einen wesentlichen Dienst leisten und unsere bisherigen Erfahrungen umstoßen. Und ich bitte Sie, nicht daran zu zweifeln, dass ich Sorge dafür tragen werde, dass Ihr Name der Nachwelt nicht als der eines Verbrechers, sondern als eines Helden der Wissenschaft erhalten bleibt.«

Monsieur de la Pommerais schien von dieser ungewöhnlichen Bitte tief ergriffen zu sein; er blickte ernst und mit weit geöffneten Augen und verharrte in tiefem bewegungslosem Schweigen. Velpeau schien es gar, als sähe er eine Träne der Rührung funkeln.

»Auf baldiges Wiedersehen, Monsieur de la Pommerais«, sagte Velpeau aufstehend, »überlegen Sie sich die Sache.« Und auf das Öffnen der Tür wartend, nahm er deutlich, wie zur Bestätigung, ein dreimaliges Blinzeln des rechten Auges von La Pommerais wahr, während das andere weiterhin starr ins Schicksal starrte.

Als Velpeau vor der Tür stand, tief und erleichtert durchatmend, kamen zwei Männer mit einem Sarg den Gang entlang. Auf seine Frage, welchen Gefangenen es denn zu beerdigen gälte, antworteten diese: »Den Monsieur de la Pommerais. Vor einer Stunde wurde er, im späten Nachmittagslicht, heimlich mit der Guillotine hingerichtet.« Im selben Moment erklang ein erst dumpfes, dann rollend polterndes Geräusch, als wäre in der Zelle etwas Schweres zu Boden gekullert.

 

© Jürgen M. Brandtner - 04.10.2013

 

 

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