ANNE LIZBETH

(Ein Reload der Erzählung "Anne-Lisbeth" von Hans Christian Andersen)

Caput I bis Caput IV

Demnächst mehr ...

CAPUT I

 

Anne Lizbeth mochte den altmodischen Namen, den ihre Eltern ihr gegeben hatten, nicht besonders, und ließ sich deshalb von allen nur Abeth nennen. Sie war noch ziemlich jung, sah aber schon sehr gut aus und sie wusste und nutzte das. Ein federleichter Schmetterling mit ebenso leichtem Sinn, eine Lolita, die gleichermaßen gerne an Män-nern naschte wie am Alkohol. Oft hatte sie am nächsten Morgen keine Ahnung mehr von der vergangenen Nacht und ob und mit wem sie geschlafen hatte. So geschah es, dass sie eines Tages schwanger wurde.

Sie bekam einen Sohn. Richtig hässlich war der. Sie fragte sich, mit wem um Himmels Willen sie da wohl gevögelt hatte. Aber letztlich war es ihr egal. Denn der hässliche Zwerg wurde ihr von ihren Eltern weggenommen und sie selbst wurde zu ihren 50 Ki-lometer entfernt lebenden Großeltern verfrachtet. Die waren alt, reich und sehr religiös. Mary und Joseph, so hießen sie tatsächlich, hatten es sich zur Lebensaufgabe gemacht, schwer erziehbare sowie auch Waisenkinder bei sich aufzunehmen. Und so war Abeth zum Glück nicht die einzige Lebende bei diesen beiden Scheintoten.

In dem riesigen Jugendstilhaus ihrer Großeltern gab es beinahe mehr Zimmer, als der Tag Stunden hatte. Und auch wenn es nur in dem weitläufigen Wohnzimmer im Erdge-schoss 1 Fernseher, 1 Stereoanlage und 1 Computer gab und tägliche Streitereien unter den Kindern damit unweigerlich auf der Tagesordnung standen, so hatte Abeth doch immerhin ein Schlafzimmer für sich allein, weil, wie ihre Großmutter augenverdrehend feststellte, man „einen masturbierenden Teenager unmöglich mit anständigen Kindern in einem Zimmer unterbringen“ könne. Dieses Zimmer, früher das eines Dienstmädchens, war zwar kleiner als die Zimmer der anderen Kinder und lag viele Stufen hoch unterm Dach, doch dafür hatte sie hier ihre Ruhe vor ihren Großeltern und den anderen Kindern. Wenn sie denn wollte.

Mit der Zeit wollte sie aber immer weniger. Denn unter den anderen Kindern hatte es ihr vor allem ein kleiner Waisenjunge angetan, der so hübsch war, wie sie selbst, und von dem sie sich einredete, dass so, würde sie je selbst einen Jungen haben, der ihre aussehen müsse. Die Tatsache, dass sie ja bereits einem Sohn das Leben geschenkt hatte, verdrängte sie erfolgreich. Und Wunden wurden keine geschlagen. Die Großeltern sprachen nicht darüber und ihre Eltern hatten nahezu jeden Kontakt abgebrochen. So verbrachte Abeth von Tag zu Tag mehr Stunden mit dem Kleinen im Haus. Sie spielte mit ihm, las ihm vor, nahm ihn in die Arme, tröstete ihn. Und manchmal ließ sie ihn sogar bei sich im Bett übernachten. Sie liebte ihn wirklich sehr.

CAPUT II

 

Abeth‘ Vater hatte zwischenzeitlich seinen gut bezahlten Job in der Fabrik verloren und war, wie sein Vater schon, Fischer geworden. Eine schwere Arbeit, die bei weitem nicht so viel einbrachte, wie die Fabrikarbeit. Doch immerhin hatten Abeth‘ Großeltern das Geld für einen alten, rostigen Kutter gegeben. Schön war der nicht, aber man konnte mit ihm aufs Meer hinaus fahren und kam auch wieder zurück. Und so reichte es zumindest zum Überleben.

Abeth‘ leiblicher Sohn wuchs heran und musste schon in jungen Jahren zum Fischen mit hinaus fahren. Er stellte sich sehr geschickt an und es bereitete ihm sogar Freude am frühen Morgen durch die salzige Luft und Gischt hindurch aufs Meer zu fahren und dort die Sonne aufgehen zu sehen. Das war wundervoll, er liebte diese Momente. In diesen Augenblicken fühlte er sich aufrichtig geliebt. Wenigstens von ihr, der Natur. Denn die Menschen, die ihn groß zogen, taten es nicht. Er war und blieb für sie der Makel ihrer verstoßenen Tochter.

So vergingen die Jahre, während derer Abeth zur wunderschönen Frau wurde, halbwegs gebildet und mit städtischem Benehmen. Sie kümmerte sich inzwischen anstatt der Großeltern, denen es zu mühselig geworden war, um alle Kinder im Haus. Am liebsten aber war ihr weiterhin der hübsche Waisenjunge, der im Heranwachsen noch hübscher geworden war. Ihn nur anzusehen ließ sie Mühe und Unannehmlichkeiten der Tage vergessen. Und bisweilen war dies auch nötig, da ihre Großmutter, altersmilde gewor-den, sich immer wieder frischen Fisch bringen ließ. Und der, der ihn brachte, war Abeth‘ leiblicher Sohn.

Meist wusste sie es so einzurichten, dass sie gerade in ihrem Dachzimmer war, wenn er kam. Der Hofhund, der anschlug, wenn er sich mit dem Fisch näherte, war ihr Zeichen genug. Doch einmal, der Hund war auch nicht mehr der Jüngste, hatte er dessen Kommen verschlafen. Und plötzlich standen sie sich gegenüber. Sie, die junge, hübsche Frau, und er, ihr hässlicher Sohn, dem die Zusammenhänge allerdings verschwiegen worden waren. Abeth … Nach einem kurzen Moment drehte sie sich um und rannte die Stufen zum Dach, immer zwei zugleich, atemlos hinauf. Bis sie oben ankam, waren ihre Tränen bereits einer kühlen Neugier gewichen, mit der sie hinterm Vorhang stehend auf den Hof hinunter sah. Da ging er. Ihr Sohn. Hässlich. Ungeliebt. Kieseltränen tretend ging er vom Hof. Und Abeth wusste nicht, dass sie ihn in diesem Moment zum letzten Mal sah.

CAPUT III

 

Eine Woche später. Abeth‘ Vater und ihr leiblicher Sohn fuhren, es war Spätherbst, aufs Meer hinaus. Das Wetter war rau, nass und stürmisch. Der Wind schnitt kalt durch ihre Kleidung. Ihr elendes Boot hob und senkte sich, während die Wellen über ihm zusammenschlugen. Durchgefroren waren beide, der Schiffer und sein Schiffsjunge, durstig und heißhungrig. Seit dem frühen Morgen war es nicht Tag geworden, Dämmerlicht begleitete sie in die Nacht und diese alles durchdringende Kälte. Der Schiffer trank einen Schnaps um den anderen, in der Hoffnung, er möge ihn wärmen. Doch der Schnaps wärmte nur für kurz. Danach wurde es ihm umso kälter und er trank umso mehr. Die alte Flasche, die er zu Hause immer nachfüllte, gab nun längst keinen Tropfen mehr von sich und nüchtern war ein Wort, das der Schiffer nicht mehr buch-stabieren konnte. Oben auf Deck saß der Junge wie festgefroren am Ruder. Seine Hände hielten schwielig, was sie halten konnten. Mit der blaukalten Gesichtsfarbe, dem zer-zausten, salzverkrusteten Haar und den aufgeplatzten Lippen sah er noch hässlicher aus als sonst. Er saß da und sehnte sich nach Wärme. Und Liebe. Was bei ihm aber irgendwie das Gleiche war.

Und plötzlich, man möchte schreiben, wie aus heiterem Himmel, wäre es nicht so wi-dersinnig, wurde das kleine Schiff, das sich mit seinen Menschen schon nahe vor der Küste befand, wie von Geisterhand emporgehoben, senkrecht gestellt, um die eigene Achse gedreht, und nochmal und nochmal, und schließlich wieder in die schäumende Gischt fallen gelassen. Gemeinsam schrien der Junge und das Boot laut auf. Ihr Zwie-gesang vom Sterben mischte sich in die Sinfonie aus Windesbrausen, Möwengestöhne, Brandungsgebrüll und Schiffergeschnarche dieser Nacht. Dann prallte das fallende Boot mit voller Wucht auf einen Felsen, wurde im Kiel entzwei gerissen, lief voll und ging unter wie ein alter Schuh mit Metallkappe. In wenigen Sekunden war es, von Möwen und Fischen beäugt, gesunken. Kaum einen Faden tief unter dem Wasserspiegel, ganz nahe dem rettenden Ufer, samt dem betrunkenen Schiffer und dem ungeliebten Schifferjungen begraben. Und vergessen.

Die Witwe zu Hause verstarb an einem Herzinfarkt, als man ihr die traurige Mitteilung überbrachte, noch ehe sie die Großeltern und Abeth davon unterrichten konnte. Und so lebte Abeth weiterhin mit der falschen Gewissheit, dass es außerhalb ihrer kleinen Welt einen hässlichen jungen Mann gäbe, der sich vor Jahren schmerzhaft aus ihrem Leib ge-presst hatte. Und den sie hoffentlich nicht liebte.

 

CAPUT IV

 

Inzwischen waren einige Jahre vergangen. Abeth‘ Großeltern waren gestorben und das Waisenhaus war einer Stiftung überschrieben worden. Die fremden Menschen, die das Haus seitdem leiteten, mochte Abeth nicht leiden, und sie zog von dort weg in eine an-dere Stadt. Schweren Herzens, denn ihr Waisenjunge blieb dort zurück. Er war, bild-hübsch und liebenswerter denn je, soweit herangewachsen, dass er ihre bisherige Funktion im Haus übernehmen konnte. Oft dachte sie an ihn, vor allem in einsamen Abendstunden. Und derer gab es viel. Denn die Leichtigkeit ihrer jungen Jahre war verflogen. Sie hatte sich mit dem Erbe ihrer Großeltern zur Lehrerin ausbilden lassen und unterrichtete Tag für Tag mit viel Freude die kleinsten Schüler der Stadt. Doch die Abende, die sie einst mit Männern in den Kneipen ihrer Heimatstadt verbracht hatte, gehörten heute ihren Büchern, ihren unbestimmten Erinnerungen - und den Gedanken an ihren innig geliebten Waisenjungen.

An einem besonders melancholischen Abend, an dem Abeth den Jungen nahezu riechen und seine kindlichen Küsse förmlich spüren konnte, beschloss sie, dass sie ihn in den nächsten Ferien einmal auf dem großelterlichen Anwesen besuchen müsse. Sechzehn Jahre müsste er jetzt alt sein und sicher der Schwarm all der Waisenmädchen.

"Ich muss mich aufraffen!" sagte Abeth zu sich selbst, "ich muss meinen dicken Hintern hochbekommen und ihn besuchen! Er sehnt sich doch sicher auch nach mir. Und be-stimmt denkt er noch an mich, liebt mich noch wie damals, als er mit seinen Engelsarmen an meinem Hals hing und "Aaaaa-beeeeth!" rief, dass es klang, wie die E-Gitarre von Jimi Hendrix! Ja, verdammt, ich muss mich aufraffen um ihn wiedersehen!"

Und als die nächsten Schulferien angebrochen waren machte sie sich auf den Weg. Mit dem Zug konnte sie wegen Gleisbauarbeiten nicht fahren. Also nahm sie den Bus, der aber nicht bis zu dem einsam stehenden Haus fuhr. Vom Busbahnhof aus ging sie zu Fuß. Das Geld für ein Taxi wollte sie lieber sparen. Zur Teezeit zeigte sich ihr das Anwesen in der Nachmittagssonne, groß und prächtig, wie einst, doch die Leute, die sie schon beim Näherkommen sah, waren ihr alle fremd, und nicht einer unter ihnen konnte wissen, welche Bedeutung sie hier einst hatte. Aber ihr süßer Knabe würde es ihnen schon sagen; ach, wie sehnte sie sich nach ihm! Gleich! Gleich! Gleich!

Doch sie musste warten. Er war mit den Kindern im Wald. Endlich hörte sie das typische Geschrei der Ausgelassenheit, angeführt von einem großen, schlaksigen Teenager. Das musste er sein. Kein Zweifel! Seine Augen strahlten über die Entfernung hinweg warm und braun wie einst, und sein engelsgleicher Mund kommandierte die wilde Horde auch an diesem Tag unverkennbar mit einem „Aaaach-tuuuung!“ à la Hendrix.

Sie lief auf ihn zu. Als sie vor ihm stand, schickte er die Kinder voraus, sah sie an, sprach aber kein Wort. „Ich bin’s. Abeth“, sagte sie und nahm seine Hände. Da machte er sich frei und ging davon, er, den sie am meisten geliebt hatte und am meisten liebte. Und sah sich nicht einmal um. Dann fiel die Eingangstür ins Schloss.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Aurélie Sterntau (Dienstag, 24 September 2013 21:00)

    Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich die Erzählung von Hans-Christian Andersen nicht kenne, deswegen nicht vergleichen kann. Vielleicht ist das aber auch ein Vorteil, wer weiß.

    Mir ist der Einstieg zu hopplahopp, ist das so gewollt? Es ist, als ob du dich an den einzelnen Details immer einen Moment zu kurz aufhältst. Aber vielleicht ist das der Sinn dieser Erzählung, ich weiß es nicht.

    Manche Passagen gefallen mir wiederum sehr gut, bis wieder dieses Hektische dazwischenfunkt. Immer dann, wenn ich mich so ein bisschen verlieren möchte... hm.

    Anmerken möchte ich auch noch, dass die Schrift für meine Augen etwas größer sein könnte und evtl. schwarz auf weißem Grund, mich strengt das Lesen ziemlich an.

  • #2

    Gracia Elbert (Sonntag, 22 Januar 2017 23:30)


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